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Nobelpreisträgertreffen : Ein Fest für die Marktwirtschaft

Sportlich sind sie, die Nobelpreisträger: Robert Mundell ist 78 und tanzt immer noch wie ein junger Gott Bild: Andreas Müller / F.A.Z.

Von der Krise lassen sich die Nobelpreisträger in Lindau nicht beirren. Die Elite der Wirtschaftswissenschaftler redet darüber, wie sie die Welt aus der Krise bringen will. Der Nobelpreis für die besten Lehren aus der Finanzkrise ist noch nicht vergeben.

          Und dann kommt Myron Scholes. Seinen Namen muss keiner kennen - aber interessant ist der Mann trotzdem. Er könnte die Finanzkrise erklären und was an den Börsen los ist. 1997 hat er den Nobelpreis bekommen für eine ausgefeilte Finanzmarkttheorie, die hinterher von Tausenden von Börsenhändlern als Ausgangspunkt für ihre Spekulationen verwendet wurde. Auch er selbst hat einen Hedgefonds gegründet, der gemäß seiner Theorie handelte - und nach einigen Jahren pleiteging. 1998 musste der Fonds von der amerikanischen Notenbank aufgefangen werden, weil er sonst das Finanzsystem ins Wanken gebracht hätte. Myron Scholes hat die Höhen und die Tiefen der Börse mitgemacht, er hat sie erklärt. Und jetzt beginnt sein Vortrag, in dem es um Finanzfirmen gehen soll.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So geht es zu in Lindau, wenn die Wirtschafts-Nobelpreisträger da sind. 17 von ihnen treffen auf mehr als 300 ausgesuchte junge Forscher, die mit guten neuen Ideen von sich reden gemacht haben. An einem Ort, wie er unwahrscheinlicher kaum sein könnte: nicht in einer der großen Metropolen, sondern auf einer Insel im Bodensee, zwischen Urlaubern in Shorts und solchen in Badehose.

          Das Interesse ist so groß wie nie

          In der Halle, in der die Ökonomen tagen, hatte noch zwei Tage zuvor eine Esoterik-Messe stattgefunden. Kartenleger hatten ihre Dienste angeboten, Handleser und Heiler. Nach der Finanzkrise sagen Spötter, die Ökonomen seien auch nicht viel zuverlässiger als die Kartenleger, und als Heiler taugten sie schon gar nicht. Doch keiner der Spötter hat anderswo kompetenteren Rat gefunden - und deshalb strömt das Publikum nach Lindau, um zu hören, was die Gurus zu sagen haben. Mitten in der Finanz- und Schuldenkrise.

          Myron Scholes

          Das Interesse ist so groß wie nie. Journalisten aus der ganzen Welt sind gekommen, um sich anzuhören, wie die Elite der Wirtschaftswissenschaftler die Welt aus der Krise bringen will. Vor dem Eingang hat sich dieses Mal Attac aufgebaut. Auf Transparenten fordern die Aktivisten neue Theorien von den Wirtschaftswissenschaftlern, für die alten „neoliberalen“ Theorien sollten sie sich schämen.

          Auch der Bundespräsident ist gekommen. Der höchste Mann im Staat ist auch unzufrieden damit, wie die Wirtschaft funktioniert. Das Bruttoinlandsprodukt soll nicht mehr als Maßstab für wirtschaftlichen Erfolg gelten, fordert Christian Wulff. Und als erster Bundespräsident überhaupt schilt er die Notenbank: dafür, dass sie die Anleihen von Krisenstaaten kauft. Es ist eine der wenigen Reden Wulffs, die es in den Fernsehnachrichten und Zeitungen ganz nach vorne schafft.

          Das Wort „Finanzkrise“ fällt kein einziges Mal

          Doch die Reaktion vor Ort ist spärlich. Höflich applaudiert die Konferenz, dann geht sie zur Kaffeepause, und danach beginnen die amtierenden Preisträger mit ihren vorbereiteten Vorlesungen über die Stellensuche in Amerika und über Fleiß und Faulheit der Europäer.

          Doch am nächsten Morgen könnte es um die Krise gehen. Denn es betritt eben jener Myron Scholes die Bühne, der Mann mit den Hedgefonds. Schon äußerlich verkörpert er den Börsianer, als einziger Preisträger trägt er einen Anzug, der passt und gut geschnitten ist, sogar noch eine Krawatte, wie ein Banker. Die Erwartungen sind hoch. Und Scholes spricht 30 Minuten lang darüber, was an der Börse schiefgehen kann, vor allem mit Hedgefonds - in theoretischen Fällen. Doch das Wort „Finanzkrise“ fällt nicht ein einziges Mal.

          Große Anhänger des Marktes lassen sich von der Praxis ungern ihre Theorien kaputt machen, vor allem nicht, wenn viele von ihnen schon älter sind als 70. So geschieht es häufig in Lindau. „Die Makroökonomik hat versagt“, sagen sie zwar manchmal. Richtig neue Ideen aber gibt es nicht mal am letzten Tag der Konferenz, als die Preisträger einer Diskussion über die Krise nicht mehr ausweichen können, weil sie auf dem Konferenzprogramm steht. Die Erklärungen und Vorschläge sind hundertfach beschrieben, diskutiert und immer noch unvereinbar.

          Welche Rolle spielt das Glück?

          „Was die jungen Leute machen, ist spannender“, sagt Lisa Herzog. Sie hat nicht nur Volkswirtschaft studiert, sondern auch Politik, Philosophie und Geschichte. Fast hätte sie sich von der Volkswirtschaftslehre völlig abgewandt, erzählt die Doktorandin, und die Preisträger brächten sie kaum dorthin zurück - eher schon die neuen Ideen der Nachwuchsforscher, die in Lindau das Publikum bilden. In der Tat eröffnen sie den Blick dorthin, wohin die Wirtschaftsforschung steuert. Drei Jahre sind vergangen, seit die Finanzkrise ausgebrochen ist. Viele Doktoranden, die jetzt nach Lindau kommen, haben ihre Forschung unter dem Eindruck der Finanzkrise begonnen. Und das spiegelt sich in ihrer Arbeit. Zum Beispiel der des spanischen Harvard-Studenten Eduardo Davila, der über die Größe von Banken nachdenkt und feststellt, dass Staaten im Zweifel nicht nur große Banken retten müssen. „Wenn zehn kleine Banken gleichzeitig pleitegehen, ist es für die Wirtschaft genauso schädlich“, sagt er - und hat doch noch eine gute Nachricht: Wenigstens drehen die kleinen Banken meistens ein kleineres Rad, weil sie weniger auf ihre Rettung spekulieren.

          Andere junge Ökonomen erforschen, wie man demokratische Regierungen vom Schuldenmachen abhält oder wie sich Wachstumsphasen besser vorhersagen lassen.

          Aber ist das Wachstum überhaupt noch wichtig? Welche Rolle spielt das Glück? Auch darum kümmern sich die Jungen: An der Cornell University nahe New York hat Alex Rees-Jones herausgefunden, dass sich die meisten Menschen doch gegen einen Job entscheiden, der ihnen viel Glück verspricht, wenn sie stattdessen in einem anderen mehr Geld verdienen können. Alle diese Forscher sind im besten Alter, um bald eine Idee zu haben, mit der sie in 30 Jahren einmal den Nobelpreis bekommen - vielleicht sogar den für die besten Lehren aus der Finanzkrise. Der ist nämlich noch nicht vergeben.

          Stiglitz stimmt nicht jeder zu

          Doch einen Preisträger gibt es, der mit neuen Ideen beim jungen Publikum auf breite Zustimmung stößt: Joseph Stiglitz. Nun muss der sich nicht sonderlich winden, um die alten vorherrschenden Theorien schlecht zu finden - das tat er schon immer, und auch er würzt seine Rede mit Zitaten, die er schon oft gebracht hat. „Die unsichtbare Hand des Marktes ist vermutlich deshalb unsichtbar, weil es sie nicht gibt“, kalauert er. Aber danach hat er doch noch einige neue Ideen, um die Krise zu erklären und künftige Krisen zu verhindern. Und bekommt dafür einen Applaus, dass einzelne schon anfangen die Sekunden zu zählen wie auf dem CDU-Parteitag.

          Die Weltwirtschaftskrise, glaubt Stiglitz, stand am Übergang der Wirtschaft von der Agrarwirtschaft zur Dominanz der Industrie. Jetzt werde die Industrie durch Dienstleistungen abgelöst - das habe die nächste Krise gebracht. Nur die zunehmende Vernetzung der Welt mache es schwieriger, die Krisen einzudämmen. Deshalb fordert er Sicherungen, um die Ausbreitung zu stoppen. Kapitalverkehrskontrollen könnten sich zum Beispiel eignen.

          Da stimmt nicht jeder zu. Stiglitz erinnert an das vorige Treffen der Nobelpreisträger im August 2008. Die heraufziehende Finanzkrise versuchten sie damals weitgehend zu ignorieren. Viele glaubten damals noch, die Wirtschaftswissenschaft hätte die Zeit großer Rezessionen überwunden. Schon einen Monat später wurde deutlich, dass sie sich getäuscht hatten. Doch wer seine Ansichten nicht ändern will, findet auch da einen Ausweg. Zum Beispiel Edward Prescott, der auch nach der schweren Krise der vergangenen drei Jahre zu dem Schluss kommt: Rezessionen seien die beste Reaktion von Verbrauchern und Firmen auf externe Schocks, die Regierung sollte sich lieber nicht einmischen.

          Das Inselufer übrigens, an dem die Lindauer Konferenzhalle steht, bietet keine Sicht nach vorne auf den See. Der Blick fällt vielmehr aufs Land zurück, nach hinten.

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