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Nobelpreisträger Kahneman im Interview : "Geld macht glücklicher als die Ehe"

  • Aktualisiert am

Der Psychologe Daniel Kahneman hat 2002 den Wirtschafts-Nobelpreis gewonnen. Bild: Müller, Andreas

Nobelpreisträger Daniel Kahneman über die Freuden einer Gehaltserhöhung, die schlechte Laune der Deutschen und die Last der Hausarbeit

          4 Min.

          Herr Kahneman, wie werde ich glücklich?

          Sie brauchen glückliche Eltern, denn gute Erbanlagen und eine glückliche Kindheit bringen auch Erwachsenen noch viel. Wenn Sie jetzt noch mehr wissen wollen, müssen Sie sich entscheiden. Es gibt nämlich zwei verschiedene Arten des Glücks: die gute Laune in einem bestimmten Moment und die grundsätzliche Zufriedenheit mit dem Leben. Es gibt Leute, die oft gut gestimmt sind, aber ihr Leben gerne ändern würden - und umgekehrt. Sie müssen mir also erst mal sagen, auf welche Weise Sie glücklich werden wollen.

          Welche Art des Glücks ist denn wichtiger?

          Beide sind wichtig.

          Dann fangen wir doch mal mit der Stimmung an: Wie bekomme ich gute Laune?

          Dafür sind die Erbanlagen wieder entscheidend, und Sie müssen gesund sein. Unterschätzen Sie die Gesundheit nicht! Schlaf ist ebenfalls außerordentlich wichtig. Natürlich schlafen glücklichere Leute besser - aber Leute, die gut geschlafen haben, sind tagsüber auch viel fröhlicher. Außerdem brauchen Sie Ihre Freunde. Wenn Sie Leute um sich haben, die Sie mögen, sind Sie glücklicher.

          Auf dem Sterbebett wünschen sich viele Leute, sie hätten mehr Zeit mit Freunden und der Familie verbracht. Sind Freunde also auch dafür wichtig, dass ich mit meinem Leben zufrieden bin?

          Meist legen die Menschen in dieser Frage erst mal konventionellere Maßstäbe an: Haben sie Erfolg im Beruf? Sind sie verheiratet? Oder geschieden? Erst später im Leben stellen die Leute dann fest, dass sie etwas geopfert haben. Die Menschen denken vorher einfach nicht viel über ihr Glück nach: Sie ziehen zum Beispiel aus der Stadt in den Speckgürtel, weil sie sich dort ein größeres Haus leisten können.

          Dort ist es doch auch viel schöner.

          Wenn die Stadt einigermaßen lebenswert ist, würden die meisten Glücksforscher den Leuten aber das Gegenteil empfehlen: Bleiben Sie in der Stadt, in der Nähe Ihrer Freunde - auch wenn die Wohnungen dort kleiner sind.


          Sind die Freunde denn auch noch wichtig, wenn ich verheiratet bin?

          Ja. Unsere Ergebnisse zur Ehe haben uns sehr überrascht. Die Frage, ob man verheiratet ist, ist gar nicht so wichtig. Das Einkommen ist viel wichtiger - sowohl für die Laune als auch für die Lebenszufriedenheit.

          Wie bitte?

          Na ja, wir haben diese Studie hauptsächlich mit Frauen gemacht. Und jetzt schauen Sie mal, wie sich das Leben einer Frau verändert, wenn sie heiratet. Da gibt es gute und schlechte Dinge. Sie ist viel weniger allein, das mögen die meisten Leute. Aber sie verbringt auch viel weniger Zeit mit ihren Freunden, und die sind nun mal sehr wichtig.

          Wichtiger als der Ehepartner?

          Die Zeit mit ihren Freunden genießen die Frauen offenbar mehr. Außerdem verbringen verheiratete Frauen viel Zeit mit Dingen, die sie nicht mögen, zum Beispiel mit Hausarbeit. So kommt es, dass die Ehe uns nur ein bisschen glücklicher macht. Insgesamt bringt die Ehe für die Lebenszufriedenheit mehr als für die Laune.

          In einer Ehe gibt es auch mal Streit, und dann sagt man oft: "Abends haben wir gestritten, das hat mir einen schönen Tag verdorben."

          Das stimmt dann aber gar nicht! Der Tag war vorher ja trotzdem schön. Ihr Streit hat höchstens die Erinnerung an diesen Tag ruiniert. Das Erlebnis und die Erinnerung sind aber zwei unterschiedliche Dinge.

          Was ist dann wichtiger: eine schöne Zeit zu erleben oder sich an eine schöne Zeit erinnern - oder stimmt das Sprichwort, und Vorfreude ist die schönste Freude?

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