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Medizinprofessor Hans Rosling : Die Welt wird besser. Und keiner glaubt es

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Niemals würde ich so etwas sagen. Warum braucht man denn überhaupt Geburtenkontrolle?

Na ja, um weniger Babys zu bekommen.

Nein, um mehr Sex zu haben. Das Konzept der Geburtenkontrolle klingt für mich abstoßend: als ob man die Regierung in sein Schlafzimmer lässt. Eine große Entdeckung der Entwicklungspolitik lässt sich so zusammenfassen: Kümmere dich um die Leute, die Bevölkerung reguliert sich dann selbst.

Das heißt?

Siehe zu, dass die Babys überleben und zur Schule gehen können. Räume Frauen gleiche Rechte ein, entwickle die Märkte und Institutionen. Der Rest ergibt sich, wie Beispiele belegen. Das katholische Brasilien hat heute eine geringere Geburtenrate als Schweden.

Hat Religion einen Einfluss auf die Geburtenrate?

Religion nicht, Kirchen schon. Alle Religionen auf der Welt haben bewiesen, dass sie Verhütungsmittel akzeptieren können. In manchen Ländern erlaubt die katholische Kirche ihren Gläubigen Verhütungsmittel, in anderen Ländern nicht. Der größte Promoter für Verhütung ist heute eine katholische Milliardärin aus Amerika: Melinda Gates. Und die Bischöfin von Stockholm lebt in einer lesbischen Beziehung mit einem leiblichen Sohn.

Aber müssen wir nicht trotzdem Angst vor Überbevölkerung haben? Die Vereinten Nationen erwarten in der Spitze elf Milliarden Menschen auf der Erde, die jetzt kaum sieben Milliarden ernähren kann.

Aber es ist doch schon längst eine verblüffende Entwicklung eingeleitet. Die Anzahl der Kinder, die jedes Jahr geboren werden, stagniert bei zwei Milliarden jedes Jahr. Die Weltbevölkerung wächst nicht mehr, weil mehr Babys geboren werden. Sondern weil wir alle älter werden.

Aber trotzdem, elf Milliarden Menschen wollen Waschmaschinen, Autos, Flugzeuge, kann die Welt das aushalten? Hält das Klima das aus?

Ja, wenn wir es schlau anstellen.

Das heißt?

Gegenfrage: Warum hat Deutschland seinen Kernkraftwerke zugunsten der Kohlekraftwerke stillgelegt?

Eigentlich müssen Sie das Angela Merkel fragen. Aber Fukushima hat dabei eine zentrale Rolle gespielt.

Kein Mensch ist durch das Reaktorunglück ums Leben gekommen. Bis zum Ausstieg hatte die Welt Deutschland als das kompetenteste Land der Welt angesehen, um Atomkraftwerke zu betreiben. Deutschland war Vorbild und hat jetzt viele Länder entmutigt. Sie setzen jetzt auf Kohlekraftwerke. Das ist nicht schlau. Es ist sogar unverantwortlich.

Deutschland fördert aber wie kaum ein zweites Land erneuerbare Energien.

Die reichen Länder haben es zudem versäumt, ihre CO2-Emissionen zu reduzieren in den letzten 20 Jahren. Und jetzt verlangen sie von armen Ländern, ihre Emissionen zu reduzieren. Das ist lächerlich. Die einzig angemessene Zahl ist die Emission pro Kopf. Und da liegen die Industrienationen noch weit vorne. Und noch etwas: Deutschland hat in der EU Strafzölle auf chinesische Solarzellen durchgesetzt. Das versteht keiner. Wenn du Krieg führst und jemand dir Waffen dafür liefern will, dann ist es dumm, diese Waffen mit Strafzöllen zu belegen.

Deutschland will seine Solarindustrie schützen.

In der Konsequenz heißt das nichts anderes: Die Deutschen nehmen ihre Solarindustrie wichtiger als den Schutz vor dem Klimawandel. Das ist unseriös. Und die klugen Leute in Ankara, Peking und Pretoria registrieren das ganz genau.

Der Zauberer der Zahlen

Eigentlich ist Hans Rosling (65) Mediziner und Professor für Internationale Gesundheit in Stockholm. Doch bekannter ist er als Gründer der Gapminder-Stiftung und vor allem durch spektakuläre Vorträge, die dank Internetvideos Millionen Zuschauer in ihren Bann gezogen haben. Rosling beweist sich darin als extrem unterhaltsamer Redner mit einem klaren Ziel: Er will den Leuten nahebringen, wie dramatisch sich die Welt verändert hat. Er nutzt dafür wunderbar aufbereitete Infografiken, um zu zeigen, dass die alte Zweiteilung der Welt in Arm und Reich veraltet ist. Die Kluft (englisch „gap“) verschwindet. Die Mehrheit der Menschen ist der Armut entronnen.

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