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Liberaler Verein : Austritte erschüttern Hayek-Gesellschaft

Friedrich August von Hayek (1899-1992) Bild: Picture-Alliance

Die Vorsitzende und 50 Mitglieder verlassen den liberalen Verein. Der Sekretär der Gesellschaft spricht von einer „Phantomfront“. Er wolle sich nicht auf ein „linkes“ Liberalismus-Verständnis festlegen lassen.

          3 Min.

          Der erbitterte Streit in der liberalen Hayek-Gesellschaft hat zu einer Spaltung geführt. Die Vorsitzende Karen Horn sowie fünfzig weitere Mitglieder, darunter eine Reihe bekannter Wirtschaftsprofessoren wie Lars Feld und IW-Chef Michael Hüther sowie FDP-Chef Christian Lindner, erklärten am Dienstag ihren Austritt aus der Gesellschaft. Horn beklagte eine Mobbing-Kampagne gegen sie. Es sei ein politisches Milieu ans Licht gekommen, das mit den Zielen der Gesellschaft nicht mehr vereinbar sei.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Sie sei nicht mehr bereit, als „Feigenblatt“ problematische Entwicklungen zu verdecken, schrieb sie in einer öffentlichen Austrittserklärung. Sie habe es „nie gern gesehen, wenn Leute vor allem danach streben, sich in einem Biotop gleichgesinnter Ideologen zu bewegen, andere hart auf Linientreue zu testen und einander mit einfachen, möglichst scharfen Parolen hochzuschaukeln“. Ihren Gegnern warf sie Sektiererei, Intoleranz, Hass und Respektlosigkeit vor. Mit ihr haben auch der stellvertretende Vorsitzende Michael Wohlgemuth und drei Mitglieder des Stiftungsrates ihre Ämter niedergelegt und sind ausgetreten. Ihnen schloss sich der frühere BDI-Präsident und ehemalige AfD-Politiker Hans-Olaf Henkel an.

          Zuvor war wochenlang über die Ausrichtung des Vereins gestritten worden, der nach dem liberalen Ökonomen und Nobelpreisträger Friedrich-August von Hayek (1899 bis 1992) benannt ist. Die in Zürich lebende Wirtschaftspublizistin Horn, eine ehemalige Redakteurin der F.A.Z., hatte vor zwei Monaten in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor einer angeblichen Unterwanderung der liberalen Szene durch „Reaktionäre“ gewarnt und eine Abgrenzung von der „rechten Flanke“ gefordert, die Vorurteile etwa gegen „Multikulti“ hege und sich mit Thilo Sarazzin verbünde.

          Anbiedern an „politische Korrektheit“?

          Daraufhin schlug ihr scharfe, auch polemische Kritik von Mitgliedern der Gesellschaft entgegen. Die Kritiker warnten vor einer Einengung der Meinungsfreiheit und des Spektrums der Gesellschaft. 26 Mitglieder, darunter die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin und CDU-Politikerin Vera Lengsfeld, der früheren FDP-Abgeordnete Frank Schäffler, die Ökonomen Christian Watrin, Alfred Schüller und Roland Vaubel sowie der Hayek-Biograf Hans Jörg Hennecke, hatten in einem offenen Brief Horns Rücktritt gefordert. Die Gesellschaft müsse Platz haben für Liberale unterschiedlicher Schattierungen, für Ordoliberale, christliche Liberale, Libertäre und staatskritische Liberale.

          Auf der Mitgliederversammlung vor zwei Wochen in Leipzig warfen Kritiker Horn Diffamierung vor. Der Soziologe Erich Weede kritisierte Horn in einem Aufsatz in der Wochenzeitung „Junge Freiheit“, sie biedere sich der „Politischen Korrektheit“ und linksliberalen Denkweisen an. Horn hatte mehr Sensibilität für soziale Themen gefordert und scharfe Kritik an staatlicher Antidiskriminierungspolitik abgelehnt. Einige Mitglieder, etwa der Marburger Ökonom Schüller, nahmen ihr übel, dass sie den Ökonomen Wilhelm Röpke ebenfalls als Reaktionär bezeichnete.

          Horn forderte im Zuge der Auseinandersetzung eine Abgrenzung von „politisch heiklen“ Organisationen. „Falsche Freunde – das sind in zunehmendem Masse allerdings auch die rechten, reaktionären Kräfte, also jene Menschen, die sich gerne missverständlich als «wertkonservative Liberale» bezeichnen, oftmals mit Hinweis auf «nationalkonservative» Neigungen“, schrieb sie in der Zeitschrift „Schweizer Monat“.

          Mitglieder hielten ihr dagegen in Leipzig vor, dass das politische Spektrum in Deutschland weit nach links verrutscht sei und es eher einen dominanten linken Zeitgeist gebe, dem man sich entgegenstellen müsse.

          Der 1998 gegründeten Hayek-Gesellschaft gehörten bislang 350 Professoren, Publizisten, Politiker, Unternehmer sowie Journalisten an, darunter auch der Autor dieses Artikels. Laut Satzungszweck soll sie wissenschaftliche Forschung und Erkenntnis im Geiste Hayeks fördern.

          Hinter dem Richtungsstreit verbarg sich auch ein personeller Konflikt und Machtkampf zwischen Horn und dem Sekretär der Gesellschaft, dem Wirtschaftsphilosophen Gerd Habermann, der die Organisation seit 1998 maßgeblich mit aufgebaut hatte. Habermann ist auch Vorsitzender der Hayek-Stiftung. Diese ist der wichtigste Geldgeber der Gesellschaft, die selbst nur ein kleines Budget hat für ihre Tagungen, Wissenschafts-, Studenten- und Politikkreise. Was die Ausgetretenen nun vorhaben, ist noch unklar. Der zurückgetretene Vize-Vorsitzende Wohlgemuth sagte, dass keine Neugründung geplant sei, dass man aber an ein akademisches Netzwerk für Tagungen und Seminare denke. Schatzmeister Konrad Hummler erklärte, er wolle in der Gesellschaft bleiben und weiter für einen „vernünftigen Kurs“ kämpfen. Er könne die Rücktritt aber nachvollziehen.

          Gerd Habermann, der Organisator der Hayek-Gesellschaft sagte gegenüber der F.A.Z., er bedauere den Rücktritt von Horn und anderen, teils befreundeten Mitgliedern. „Karen Horn hat nach vierjährigem unspektakulärem  Vorsitz sich plötzlich eine geistige Phantomfront aufgebaut, die es gar nicht gibt. Die Hayek-Gesellschaft ist keine politische, sondern ideelle Einrichtung, die weder eine Rechts-, noch einen Linkskurs verfolgt“, sagte Habermann. Mit dem Versuch, der Hayek-Gesellschaft ein sehr enges, im Zweifel eher „linkes“  Liberalismus-Verständnis zu oktroyieren, sei sie verständlicherweise auf Widerspruch gestoßen. „Ich bedaure die Eskalation sehr und hoffe, dass einige der Ausgetretenen bald wieder zurückkehren“, fügte Habermann hinzu.

          Anfangs war in dem Artikel von der Hayek-Gesellschaft als „Thinktank“ die Rede. Das Wort „Verein“ trifft es aber besser. Zudem wurde das Zitat aus dem „Schweizer Monat“ später vollständig eingefügt.

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