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Lebenshaltungskosten : Der deutsche Weizenbier-Index

Gegenstand der Untersuchung: Die Preis-Unterschiede überraschen Bild: picture-alliance / Denkou Images

Der Preis für ein Hefeweizen ist ein guter Indikator für das innerdeutsche Kaufkraft-Gefälle. Die Unterschiede überraschen: In Franken gibt es das Weizen für gut zwei Euro - auf Sylt muss der Gast mehr als fünf Euro berappen.

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          Der Euro ist nicht überall dasselbe wert. Seit 1986 zeigt die Zeitschrift „Economist“ mit ihrem „Big-Mac-Index“, wie stark der Preis für einen der großen Hamburger davon abhängt, wo auf der Welt man ihn kauft. In Amerika ist der Big Mac etwa billiger als in Europa, dafür teurer als in Ägypten oder China. Das zeigt, wie Menschen mit dem gleichen Einkommen sich in verschiedenen Ländern unterschiedlich viel leisten können.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber selbst innerhalb Deutschlands gibt es ein beachtliches Kaufkraft-Gefälle. Das hat eine Befragung der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unter Gastwirten der Republik ergeben. Sie wurden nach dem Preis für ein Glas Hefeweizen (0,5 Liter) gefragt (siehe Karte). Hefeweizen ist ein guter Indikator, weil er im ganzen Land in vergleichbarer Qualität getrunken wird. Und schließlich ist Sommer, und damit Biergartenzeit.

          München steht mit seinem teuren Bier im Süden allein da

          Die Stichprobe für den „Weizenbier-Index“ gibt einen kleinen Eindruck vom gewaltigen Unterschied der Lebenshaltungskosten. Gefragt wurden in acht Regionen Deutschlands, vor allem in beliebten Feriengebieten, jeweils fünf Restaurants und Gasthöfe nach dem Preis für ein Hefeweizen. Ausgelassen haben wir Pommes-Buden und Nobelrestaurants.

          Bild: F.A.Z.

          Dass Bier nicht überall dasselbe kostet, hätte man vermutet - aber wie groß die Unterschiede sind, hat uns dann doch überrascht. Mit durchschnittlich 5,26 Euro für 0,5 Liter war Sylt mit Abstand am teuersten. Mit 2,52 Euro war die Fränkische Schweiz am günstigsten. In der Urlaubsregion nordöstlich von Nürnberg mit den schmucken Fachwerkhäusern kann man also für sein Geld locker doppelt so viel Bier trinken wie auf der Nordseeinsel.

          Neben Sylt zählt vor allem Norddeutschland einschließlich Hamburg mit einem durchschnittlichen Preis von 3,82 Euro zu den teuren Bier-Regionen. Aber selbst München als Zentrum der Bier-Hochburg Bayern ist mit 3,77 Euro für einen halben Liter nicht wirklich billig. Das ist jedenfalls mehr als der bundesweite Durchschnitt von 3,50 Euro. München steht mit seinem teuren Bier im Süden allerdings eher allein da. Im Bayerischen Wald ist das Bier besonders preiswert, auch im Schwarzwald. Teuer dagegen ist es im Taunus - der schließlich noch zum Einzugsgebiet der Bankenstadt Frankfurt gehört und deshalb auf eine hohe Kaufkraft der Einheimischen vertrauen kann.

          Satte 14 Franken für eine mickrige 0,33-Flasche

          Insgesamt scheint es neben einem West-Ost-Gefälle auch ein Nord-Süd-Gefälle zu geben. Vielleicht, weil den Menschen im Süden traditionell mehr an Biergarten und Bierzelt liegt? Außerdem ist das Weizenbier offenkundig in den Ballungsräumen teurer als auf dem Land. Und nicht zuletzt gilt: Wo die Wirtschaft brummt, kostet das Weizen mehr als in wirtschaftlich schwierigen Regionen. Wo die Arbeitslosigkeit höher ist, können die Menschen sich offenbar wenigstens damit trösten, dass das Bier nicht so viel kostet. Die günstigsten Preise insgesamt entdeckten wir im Osten Deutschlands. So haben wir in Rühn im Landkreis Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern einen Hofladen mit Restaurantbetrieb gefunden, wo das Paulaner Hefeweizen nur 1,60 Euro kostet.

          Das teuerste Hefeweizen überhaupt gibt es vermutlich irgendwo im Rotlichtmilieu. Aber auch einige Hotels verlangen saftige Preise. Neun Euro etwa nimmt das Hotel Adlon in Berlin für eine Hefeweizen 0,5 Liter. Brenners Parkhotel in Baden-Baden immerhin 6,50 Euro. Auf dem Fernsehturm am Alexanderplatz in Berlin zahlt man 4,80 Euro für ein Weizen. Und in der Münchener Diskothek P1 6,50 Euro - allerdings bekommt man dafür dort nur 0,33-Liter. Gegen manche Hotels im Ausland ist das alles allerdings noch gar nichts. So verlangt Badrutt's Palace Hotel in St. Moritz satte 14 Franken für eine mickrige 0,33-Liter Flasche Weizenbier - das entspricht beim derzeitigen Frankenkurs immerhin knapp 18 Euro für einen halben Liter. Noch teurer sind dann nur noch Spezialsorten. So braut die Klosterbrauerei Irsee im Allgäu das wohl teuerste deutsche Weizen „Urweiße“ - es kostet 21,90 Euro die Flasche.

          Über hohe Bierpreise kann man nicht nur den Kopf schütteln - man kann sich auch ausrechnen, was man alles kaufen könnte, wenn man das Geld in einer billigeren Region ausgeben würde. Zehn Weizenbier in der Fränkischen Schweiz getrunken statt auf Sylt etwa würden einem 27 Euro sparen - dafür kann man schon ordentlich essen. In der Fränkischen Schweiz, versteht sich.

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