https://www.faz.net/-gqe-75hhq

Kritiker Binswanger : Wachstum braucht Geld, Energie und Imagination

  • -Aktualisiert am

Nur noch Papier: Vernichtete-geschredderte Euroscheine im Geldmuseum in Frankfurt Bild: Hoang Le, Kien

Die Ökonomische Theorie braucht einen Paradigmenwechsel, um die Chancen und Gefahren des Wirtschaftswachstums zu erfassen. Ohne Geld, Energie und Imagination ist die Dynamik des Wachstums nicht zu erklären. Ein Gastbeitrag.

          10 Min.

          Unsere moderne Wirtschaft ist auf Wachstum angelegt. Wachstum ist zur Generallinie der wirtschaftlichen Entwicklung geworden. Dieser Tatsache steht die erstaunliche Unfähigkeit der herrschenden ökonomischen Lehre gegenüber, das Phänomen des Wachstums mit seinen Chancen und Gefahren im Gesamtzusammenhang der Wirtschaft zu erklären. Der Grund ist die andauernde Vorherrschaft des neoklassischen Modells, das auf Annahmen wie „allgemeines Gleichgewicht“, „optimale Allokation der Produktionsfaktoren“ und „vollkommene Konkurrenz“ aufbaut. Dieses Modell ist statischer Natur und kann daher die drei wesentlichen Faktoren nicht wahrnehmen, die die Dynamik und damit das Wachstum der Wirtschaft verursachen: Geld, Energie und Imagination.

          Das neoklassische Modell nimmt das Geld nicht wahr, weil es den Markt als multilateralen (Natural-)Tausch zwischen Einzelwirtschaften deutet, die - wie Bauernhöfe - sowohl produzieren als auch konsumieren, also sich zur Hauptsache selbst versorgen, und nur allfällige Überschüsse gegenseitig austauschen. In einer (Natural-)Tauschwirtschaft benötigt man kein Geld. Das Modell ist daher ein sogenanntes Realmodell, in dem nur die realen Tauschpreise Angebot und Nachfrage regulieren und so für das Zustandekommen des allgemeinen Gleichgewichts eine Bedeutung haben.

          Unter dem Tauschpreis ist die Menge eines Gutes zu verstehen, die für eine Einheit eines anderen Gutes beziehungsweise eines Standardgutes getauscht wird. Wohl wird das Realmodell durch die sogenannte Quantitätstheorie des Geldes ergänzt, in der die Tauschpreise in Geldpreise umgerechnet erscheinen. Um die Logik des Realmodells nicht zu stören, dürfen aber die Quantität des Geldes und die Veränderung seiner Quantität keine Rolle spielen für die Tauschpreise und für die Menge der Güter, die ausgetauscht werden. Eine Steigerung der Geldmenge kann daher im Prinzip nur zu einer Steigerung des Preisniveaus führen. Das Geld ist somit im Modell eine neutrale Größe, die für das reale Geschehen (zumindest langfristig) keine Bedeutung hat.

          Abzweigung in die Sackgasse

          Das neoklassische Modell nimmt ferner die Energie nicht wahr, weil es auf einer (makroökonomischen) Produktionsfunktion aufbaut, in der als Produktionsfaktoren nur Arbeit und (Real-)Kapital vorkommen: Arbeit als Ausdruck des Fleißes, Kapital als Resultat des Sparens. Der Einsatz von Arbeit und Kapital ist im Modell begrenzt und knapp: der Einsatz von Arbeit, weil der Arbeitstag begrenzt ist; und der Einsatz von Kapital, weil die Sparneigung begrenzt ist. Diese Begrenzung ist modellnotwendig, weil das allgemeine Gleichgewicht auf der Vorstellung beruht, dass begrenzte Kapazitäten vorgegeben sind, die durch das Spiel von Angebot und Nachfrage unter der Voraussetzung der vollkommenen Konkurrenz optimal genutzt werden. Man spricht von der optimalen Allokation der Produktionsfaktoren. Der Einbezug der Energie, die fortlaufend aus der Natur gewonnen wird und eine ständige Erweiterung der Produktionskapazität ermöglicht, würde das Konzept der optimalen Allokation der Produktionsfaktoren außer Kraft setzen und so das Modell sprengen. Die Energie bleibt daher vom Modell ausgeschlossen.

          Weitere Themen

          Lieferengpässe wegen Coronavirus-Epidemie Video-Seite öffnen

          iPhone Produktion stockt : Lieferengpässe wegen Coronavirus-Epidemie

          Wegen der Coronavirus-Epidemie in China hat Apple seine Umsatzprognose für das laufende Quartal zurückgenommen. Ursprünglich hatte der amerikanische Konzern bis Ende März mit einem Umsatzvolumen von bis zu 67 Milliarden Dollar gerechnet. Diese Zahlen kann das Unternehmen nach eigenen Angaben nun nicht mehr erreichen.

          Topmeldungen

          Kann Norbert Röttgen der CDU den Machterhalt sichern?

          Röttgens Bewerbung : Störung beim Kandidaten-Mikado

          Nun will es auch Norbert Röttgen wissen. Im Zweifel, das zeigt auch die lange Amtszeit Merkels, unterwirft die CDU sich der Person, die ihr die besten Aussichten auf den Machterhalt bietet.
          Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) stand der Zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) im TV-Duell gegenüber.

          TV-Duell zur Hamburger Wahl : Darf's noch ein bisschen grüner sein?

          Lange sah es so aus, als ob die Grünen das Hamburger Rathaus erobern könnten. Doch im TV-Duell wird deutlich: Der amtierende SPD-Bürgermeister Peter Tschentscher gibt das souveräne Stadtoberhaupt – und ist aus dem Schatten seines Vorgängers getreten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.