https://www.faz.net/-gqe-13919

Kreditversicherungen : Das Gold der Toren

Bild: Alfons Holtgreve

Welche Rolle spielen Kreditausfallversicherungen in der Finanzkrise? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein Buch der preisgekrönten britischen Finanzjournalistin Gillian Tett. Eine Insidergeschichte, geschrieben aus der Perspektive von aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern der Großbank J.P. Morgan.

          3 Min.

          Im Jahre 1993 bat der amerikanische Ölkonzern Exxon die Großbank J.P. Morgan um einen Milliardenkredit. Die Bank wollte das Gesuch wegen ihrer langjährigen Geschäftsbeziehungen mit Exxon nicht ablehnen, aber eigentlich passte ihr der Großkredit nicht ins Konzept. Denn zum einen war mit ihm kaum etwas zu verdienen, und zum anderen verlangte er eine Unterlegung mit knappem Eigenkapital, das die Bank nicht zur Vergabe rentablerer Kredite verwenden konnte.

          In dieser - im Bankgeschäft nicht ungewöhnlichen - Situation hatte die junge Kreditexpertin Blythe Masters einen genialen Einfall, der die Finanzmärkte verändern sollte: Sie suchte einen Kunden, der J.P. Morgan gegen eine jährliche Prämie das Ausfallrisiko des Exxon-Kredits abnehmen und damit das Eigenkapital der Bank schonen würde. Masters fand diesen Kunden in der in London ansässigen Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), die an der Prämieneinnahme interessiert war und kein Problem in der Übernahme des Kreditausfallrisikos sah, da Exxon als nahezu unverwundbarer Koloss galt. Die Verteilung von Risiken innerhalb des Finanzsystems durch Kreditausfallversicherungen (Credit Default Swaps, CDS) hatte ihren ersten großen Auftritt.

          Die Rolle der Kreditausfallversicherung (CDS) für die Entwicklung der Finanzmärkte und ihre Rolle in der 2007 ausgebrochenen Krise bilden das Thema eines Buches der preisgekrönten britischen Finanzjournalistin Gillian Tett, die von sich behaupten kann, sie habe das Unheil schon vor Ausbruch der Krise kommen sehen. Das Buch ist eine Insidergeschichte, geschrieben aus der Perspektive von aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern der Großbank J.P. Morgan.

          Die Perspektive ist reizvoll, weil J.P. Morgan das damals unter der Bezeichnung "Bistro" bekannte Paket aus der Bündelung von Krediten in Wertpapieren, ihre Risikoabsicherung durch CDS und die Schaffung von Schattenbanken ("Conduits"), in denen solche Wertpapiere untergebracht wurden, popularisiert hatte. Die Leute von J.P. Morgan hatten allerdings früh die Risiken dieser Konstruktionen gesehen und sich zurückgehalten, während immer mehr Konkurrenten blind für die Risiken wurden und hemmungslos Geschäfte machten.

          Tetts Buch ist die Geschichte einer an sich sinnvollen Idee, die durch häufig geradezu erschütternde Inkompetenz, extremen Wettbewerbsdruck und letztlich auch nackte Gier zu einem Monster wurde: der Streuung von Risiken durch Instrumente wie CDS. Es ist auch eine Geschichte der verpassten Chancen, denn die Risiken an den vor 2007 heißlaufenden Märkten waren bekannt und die Alarmglocken hatten innerhalb des Finanzsystems rechtzeitig geläutet. Aber sie wurden nicht nur nicht gehört, sondern geradezu als Anlass genommen, die Drehzahl der Marktmaschine noch einmal wild zu erhöhen, bis sie ihren Adepten schließlich um die Ohren flog. Es ist somit auch eine Geschichte von Menschen, die nicht wussten, was sie taten.

          Die breite Verteilung von Risiken innerhalb des Finanzsystems durch den Verkauf von Produkten wie den CDS galt immer im Grundsatz als vorteilhaft. Das lässt sich auch theoretisch zeigen. In einem Boom, in dem die animalischen Triebe ("animal spirits") anstelle rationaler Überlegung treten, gilt das nicht unbedingt.

          Mehrere Ursachen machten aus den eigentlich zur Schaffung von Sicherheit entworfenen CDS "finanzielle Massenvernichtungswaffen" (Warren Buffett):

          1. Die Finanzbranche verwendet seit Jahren mathematische Modelle zur Berechnung von Ausfallrisiken von Krediten oder Wertpapieren, die aus Krediten bestehen. Die Experten von J.P. Morgan kamen früh zu dem Ergebnis, dass die Modelle in Grenzen anwendbar waren für Kredite von Unternehmen, aber nicht für Immobilienkredite, weil der Markt intransparent war und man keine Erfahrungen aus der Nachkriegszeit mit einer landesweiten Immobilienkrise besaß. Viele Konkurrenten setzten sich über diese Bedenken hinweg und etablierten einen Markt für amerikanische Hypothekenkredite, die in Wertpapiere gebündelt und für viel Geld an Investoren verkauft wurden. Als die Leute von J.P. Morgan wenige Jahre vor der Krise einen Blick auf diesen Markt warfen, kamen sie zu dem Schluss, dass die Risiken dieser Geschäfte grob unterschätzt wurden.

          2. Die Verteilung von Risiken auf viele Schultern durch CDS setzte einen Anreiz, das Gesamtrisiko des Finanzsystems zu erhöhen. Völlig grotesk wurde die Situation im Jahr vor dem Krisenausbruch. Obgleich sich der Markt für minderwertige Hypotheken ("Subprime") längst im Abschwung befand, erhöhte sich dort das Kreditvolumen aus dem einzigen Grunde, weil das Finanzsystem nach zusätzlichen Krediten verlangte, die, in Wertpapiere gebündelt und mit CDS abgesichert, ertragreich weiterverkauft werden konnten. Arme, die einen Hypothekenkredit für ein Haus aufnehmen wollten, fand man immer, und dass die Fed längst ihre Leitzinsen deutlich erhöht hatte, interessierte auch niemanden.

          3. Ebenfalls nicht zur Kenntnis genommen wurde eine erschreckende Bündelung von CDS-Risiken in den Beständen einzelner Häuser, zum Beispiel der als Kreditversicherer tätigen amerikanischen "Monoliner". Es hat wenig Sinn, an einen Kreditversicherer Prämien für den Fall einer schweren Krise zu zahlen, wenn der Versicherer so viel Risiken gebündelt hat, dass er in einer eventuellen Krise unter ihnen zusammenbrechen würde. All dies war bekannt, aber dennoch wurden weiter Geschäfte mit "Monolinern" gemacht.

          4. Mit CDS konnte man nicht nur Geschäfte absichern, sondern auch Spekulation betreiben auf Preisveränderungen als Folge veränderter Einschätzung der Bonität des versicherten Wertpapiers. Dadurch wurde der Markt so unübersichtlich, dass ihn kaum jemand mehr übersah.

          5. Hinzu kam, dass nicht wenige Marktteilnehmer keineswegs richtig verstanden, was sie eigentlich taten, und sich der in ihren Bilanzen befindlichen Risiken erst bewusst wurden, als es zu spät war.

          Die Finanzkrise lässt sich ohne genaue Kenntnisse der Vorgänge an den Märkten nicht verstehen. Tetts Insiderbericht bietet hierzu eine spannende Lektüre.

          Weitere Themen

          Lufthansa solle aufhören zu „zocken“ Video-Seite öffnen

          UFO stellt Ultimatum : Lufthansa solle aufhören zu „zocken“

          Die Kabinengewerkschaft UFO will den Arbeitskampf bei der Lufthansa wieder aufnehmen, sollte die Fluggesellschaft nicht zu Kompromissen bereit sein. Sollte Lufthansa weiter „zocken“, werde man sich schon in naher Zukunft auf erneute Streiks einstellen müssen.

          Topmeldungen

          Mord an Fritz von Weizsäcker : Aus Abneigung gegen den Vater

          Der Mörder von Fritz von Weizsäcker ist offenbar psychisch krank. Die Messerattacke auf den Sohn des früheren Bundespräsidenten soll er im Detail geplant haben. Sein angebliches Motiv wirft Fragen auf.
          Ministerpräsident Armin Laschet in der Staatskanzlei in Düsseldorf

          Armin Laschet im Interview : „Wir wollen den Erfolg von AKK“

          Vor ihrem Parteitag macht die CDU einen aufgescheuchten Eindruck. Der stellvertretende Parteivorsitzende und NRW-Ministerpräsident, Armin Laschet, spricht im F.A.Z.-Interview über die Querelen in der CDU, über AKK, über Windkraft – und Kopftücher.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.