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Ein Crashkurs : Keynes für Anfänger

Es gibt allerdings auch Situationen, in denen es nach Ansicht der Keynesianer nichts bringt, wenn die Zentralbank den Markt mit Geld überschwemmt. Etwa, wenn die Menschen alles verfügbare Geld horten und unters Kopfkissen legen, statt es anzulegen - das kann in einer Wirtschaftskrise der Fall sein oder wenn der Zins schon sehr niedrig ist.

Eine solche Situation nennen die Keynesianer "Liquiditätsfalle", und es wird heftig diskutiert, ob wir uns zur Zeit in einer solchen befinden. Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften Paul Krugman zum Beispiel glaubt, dass zumindest Amerika in der Liquiditätsfalle steckt. Ist dem so, dann bedeutet das im IS-LM-Modell, dass die LM-Kurve flach liegt (rechte Grafik). Egal, wie viel Geld die Notenbank in den Markt pumpt, es wird aufgesogen, ohne dass der Zins sinkt und die Investitionen steigen. Die Geldpolitik bringt nichts.

Keynes' Anhänger reden gerne vom Multiplikatorteffekt der Staatsausgaben

Dann hilft nach Ansicht der Keynesianer nur eins, um die Wirtschaft anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit zu senken: Der Staat muss seine Ausgaben erhöhen. Was er tut, ist dabei relativ egal: Straßen oder Brücken bauen, die Schulen sanieren oder jedem Beamten einen Dienstwagen kaufen. Alles funktioniert. Denn es verändert das Gleichgewicht auf dem Gütermarkt. Die Güternachfrage wird größer als das Angebot. Das heizt die Produktion an. Das Volkseinkommen steigt zu jedem Zins; die IS-Kurve verschiebt sich nach rechts. Die Wirtschaft wächst. Mehr Menschen kommen in Arbeit.

Nach keynesianischen Vorstellungen kann der Staat auf diese Art seine Bürger so lange unterstützen, bis die Krise vorbei ist.Ob die Politik damit Erfolg hat, hängt auch davon ab, ob sie mit ihren Ausgaben die Konsumenten und Unternehmen dazu bewegen kann, ebenfalls mehr nachzufragen. Die Gesamtnachfrage erhöht sich dann nämlich nicht nur um den Betrag der zusätzlichen Staatsausgaben, sondern um einen höheren. Ohne diesen sogenannten Multiplikatoreffekt wären Konjunkturprogramme sinnlos.

Keynes begründet die Existenz dieses Multiplikatoreffekts so: Die höheren Staatsausgaben stellen für Unternehmen und Konsumenten Einnahmen dar. Weil deren Nachfrage wiederum von der Höhe ihrer Einnahmen abhängt, steigern sie als Reaktion auf die höheren Staatsausgaben ihrerseits die Nachfrage. Eine kleine Erhöhung der Staatsausgaben führt dadurch in der Regel zu einer stärkeren Erhöhung des Volkseinkommens.

Das kann man sich so vorstellen: Die Bundesregierung gibt für ein neues Stück Autobahn 10 Millionen Euro aus. Davon werden Bauunternehmen bezahlt. Deren Einnahmen erhöhen sich. Sie fragen deshalb mehr Baumaschinen nach. Die Baumaschinenhersteller wiederum kaufen mehr Rohmaterial. Und so weiter. Am Schluss steigt das Volkseinkommen um ein Mehrfaches der ursprünglichen Staatsausgaben.

Sparen ist für Keynes keine Tugend

Wie stark dieser Effekt ausfällt, darüber entscheidet der keynesianische Multiplikator. Sein Wert ist je nach Land unterschiedlich, kurzfristig aber nicht zu beeinflussen. In einer geschlossenen Volkswirtschaft gilt: ΔY = ΔG / s.

ΔY bezeichnet die Veränderung des Volkseinkommens, ΔG die Veränderung der Staatsausgaben und "s" die Sparquote, die angibt, wie viel von einem Euro zusätzlichen Einkommens gespart wird.

Der Multiplikator wirkt also umso stärker, je niedriger die Sparneigung ist. Abgeschwächt wird seine Wirkung durch verschiedene Formen des Versickerns; neben dem Sparen auch durch die Besteuerung und die Importe. Eigentlich logisch: Je mehr von dem zusätzlichen Einkommen von Steuern aufgefressen wird, desto geringer ist der Multiplikatoreffekt Und er ist auch umso geringer, je mehr die Menschen von ihrem zusätzlichen Einkommen Güter aus dem Ausland kaufen.

Wer diesen Einführungskurs durchgearbeitet hat, weiß, worum es geht, wenn folgende Fragen auftauchen: Befinden wir uns in einer Liquiditätsfalle? Ist der Multiplikator groß genug? Und - viel grundlegender - hatte Keynes überhaupt recht damit, dass Staatsausgaben helfen können? Wer Letzteres mit guter Begründung verneint, kann sich trotzdem auf Keynes berufen. Von seinem Ökonomen-Kollegen Paul Samuelson befragt, wieso er so oft seine Meinung ändere, sagte Keynes: "Wenn meine Informationen sich ändern, ändere ich meine Meinung. Was tun Sie, Sir?"

John Maynard Keynes

„We are all Keynesians now“ - „wir sind jetzt alle Keynesianer“: Schon vor mehr als drei Jahrzehnten sagte der amerikanische Präsident Richard Nixon diesen Satz. Heute würde er wieder Zustimmung finden: Es gibt kaum ein Land, in dem John Maynard Keynes ( 1883 bis 1946 ) kein Comeback erlebt. Politiker berufen sich auf ihn, wenn sie Konjunkturprogramme verabschieden, und auch in der Wissenschaft gibt es wieder viele Rückgriffe auf seine Theorien.

Kein Wunder: Schließlich war die Krise das Lebensthema des britischen Ökonomen. 1883 als Sohn eines Ökonomieprofessors in Cambridge geboren, erlebte Keynes, wie hilflos die Ökonomen der Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre gegenüberstanden.

Das prägte sein Werk. 1936 erschien seine „ Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes “. Darin deutete er die Krise als eine Situation, in der die Wirtschaft sich kurzfristig nicht selbst helfen kann: Wenn die Menschen aus Sorge um die Zukunft nicht mehr konsumieren und die Unternehmen trotz niedriger Zinsen nicht investieren, entwickele sich eine Abwärtsspirale. In einer solchen Situation müsse der Staat aktiv werden und Arbeit schaffen, meinte Keynes.

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