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Kenneth Rogoff : Der Krisenökonom

Kenneth Rogoff Bild: Wohlfahrt, Rainer

Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff hat der Welt die Schuldenkrise erklärt. Jetzt stehen seine Lehren in der Kritik.

          Praktische Politik machen mit abstrakten Rechnungen: Kenneth Rogoff weiß, wie das geht. Im Januar 2010 schrieb der Harvard-Ökonom zusammen mit seiner Forscherkollegin Carmen Reinhart einen 24-seitigen Bericht, in dem er die Wachstumsraten von Staaten verglich. Die Staaten teilte er in vier unterschiedlich verschuldete Gruppen ein. Die am höchsten verschuldete Gruppe begann zufällig bei einem Kreditstand von 90 Prozent der Wirtschaftsleistung - und wuchs deutlich langsamer als alle anderen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Diese 24 Seiten wurden zum wichtigsten Forschungsbericht in der Schuldenkrise. Manche Ökonomen unterstützten Rogoffs Schlussfolgerungen, andere widersprachen - aber sie konnten nichts daran ändern, dass eine magische Zahl geboren war. Wähler, Journalisten und Politiker hatten einen prägnanten Wert, der für jede Fernsehdiskussion tauglich war. Mit mehr als 90 Prozent Staatsverschuldung schrumpft das Wachstum, so hieß es. Und die Vereinigten Staaten bewegten sich genau auf diese 90-Prozent-Grenze zu. Heute ist die Wirkung dieser Zahl kaum noch zu überschätzen. Beim G-20-Gipfel am Freitag wollen die Europäer jetzt eine Schuldenobergrenze für die Mitgliedstaaten durchsetzen: Sie soll bei 90 Prozent der Wirtschaftsleistung liegen.

          Gibt es entscheidende Fehler?

          Jetzt allerdings scheint es so, als habe es in dem Forschungsbericht einige entscheidende Fehler gegeben. Ein anderes Forscherteam hat die Daten nachgerechnet. Plötzlich ist das Wirtschaftswachstum verschuldeter Staaten nicht mehr ganz so niedrig. In der Diskussion ist auch eine falsche Excel-Formel, sie macht aber wenig aus.

          Reinhart und Rogoff verteidigen sich damit, dass viele andere ihrer Rechnungen zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Solche andere Rechnungen haben sie reichlich. Denn ihr kurzer Forschungsbericht wäre nie auf so viel Resonanz gestoßen, hätten sie nicht viel gründlicher vorgelegt.

          „This Time is Different“ - der Refrain der Finanzkrise

          Schon im Jahr 2001 holte der damalige Direktor des Internationalen Währungsfonds, Horst Köhler, Kenneth Rogoff als neuen Chefökonomen und gab ihm den Auftrag, Finanzkrisen zu erforschen und nach einer Abhilfe zu suchen. Rogoff stellte gemeinsam mit seiner Stellvertreterin, Carmen Reinhart, eine Datenbank zusammen, in der er die Staatsschulden von 77 Ländern sammelte. Dazu kamen die Finanzkrisen seit dem Jahr 1300, von denen die beiden Forscher Hunderte fanden. So bemerkten sie, dass die Geschichte immer wieder ähnlich verläuft.

          „This time is different“, so lautet der Refrain der Finanzkrise: „Dieses Mal ist alles anders“. Das Buch mit diesem Titel wurde zum Bestseller, in Amerika erschien es als Taschenbuch, seine Ergebnisse wurden von fast allen Ökonomen gelobt - selbst von Nobelpreisträger Paul Krugman, der Rogoff heute kritisiert. Am Ende der Forschung stand das Fazit, dass es eben nicht jedes Mal anders sei: „Dass ein verschuldetes Land der Krise entgehen kann, kommt sehr selten vor.“

          Rogoff macht die Ergebnisse bekannt

          Aus dem Forscherduo war Rogoff derjenige, der die Ergebnisse so bekannt machte, dass sie politisch relevant wurden. Rogoff zog wichtige Lehren aus den Erkenntnissen. Schon im Jahr 2004 warnte er davor, dass die amerikanischen Schulden zum Problem werden können, zunächst ohne Details zu nennen. Im August 2008 sagte er: Bald kippt eine große amerikanische Bank. Zwei Monate später war Lehman Brothers pleite. Danach entwickelte sich Amerikas Finanzkrise fast auf den Prozentpunkt genau wie die historischen Grafiken in Rogoffs Buch.

          Politiker und Journalisten waren froh: In das Dickicht der Krisenmeldungen brachte Rogoff ein klares Schema, nach dem sich die Finanzkrise Zug um Zug fortentwickelt. Das ist kein Zufall, denn Rogoff gehört zu den besten Schachspielern der Welt und trägt den Titel eines Großmeisters. Als Doktorand von Nobelpreisträger James Tobin arbeitete er nur mit halber Kraft, weil er sich mit der anderen Hälfte auf das Spiel konzentrierte. Doch als er den späteren Weltmeister Anatoli Karpow kennen lernte, stellte er ernüchtert fest: „Ich werde nie Weltmeister.“ Heute bezeichnet er sich als „süchtig“ und rührt deshalb kein Schachbrett mehr an.

          Aus dem Internationalen Währungsfonds kehrte er schnell an seine Universität zurück, schon nach zwei Jahren. „Ich wollte politisch unabhängig bleiben“, sagt er dazu selbst. Gegen die Vereinnahmung und Überinterpretation seiner Forschungsergebnisse hat er sich in den vergangenen Jahren aber nicht gewehrt.

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