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Karl Schiller : Der erste Superminister

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Karl Schiller, der unerschütterliche Technokrat Bild: Barbara Klemm

Karl Schiller war Ende der 1960er Jahre einmal der populärste deutsche Politiker. Unter Willy Brandt war er Wirtschafts- und Finanzminister. Er glaubte noch, dass die Politik die Wirtschaft steuern könne. Am 24. April 2010 wäre er 100 Jahre alt geworden.

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          Karl Schiller war Ende der 1960er Jahre einmal der populärste deutsche Politiker. Heute hingegen ist er eine ziemlich vergessene Figur. Vermutlich hat er in seinem Leben zu oft zwischen allen Stühlen gesessen; am Ende fühlte sich keine Seite mehr so recht für ihn verantwortlich. Er war überall ein Fremdkörper geworden.

          Vor Schillers rasantem Aufstieg zum Bonner Superstar hätte wohl niemand gedacht, dass einmal der Typus des distanzierten Universitätsprofessors eine Bundestagswahl entscheiden könnte. Genau das aber passierte 1969 bei der berühmten „Schiller-Wahl“, als der sozialdemokratische Wirtschaftsminister als eine Art Anti-Volks-Tribun durch die Republik zog und den Wahlkampf in ein kompliziertes Oberseminar zur Frage der Aufwertung der D-Mark verwandelte. Wohl niemals zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik – und gewiss nie mehr danach – besaßen wissenschaftliche Expertise und die Wirtschaftswissenschaften im Speziellen eine solche Aura beinahe schon unfehlbarer Autorität.

          Schiller verkörperte den Aufstieg und Fall einer im 20. Jahrhundert mächtigen politischen Idee: des technokratischen Denkens. Die Technokratie war einst ein ganz und gar phantastisches Projekt: der Versuch, die traditionelle Politik überflüssig zu machen und sie durch die Herrschaft der Wissenschaftler zu ersetzen.

          Der unerschütterliche Technokrat

          Als Karl Schiller 1931 in Kiel sein Studium der Nationalökonomie aufnahm, hatte sich diese Wissenschaft von ihren geisteswissenschaftlichen Wurzeln längst gelöst. Deutsche Ökonomen orientierten sich stärker an den Natur- oder Ingenieurwissenschaften. Die Nationalökonomie sollte eine präzisere Disziplin werden, eine „exakte Wissenschaft, wie etwa die reine Mechanik“, formulierte Joseph Schumpeter. Diese Lehre prägte Schiller lebenslang. Fortan hielt er die Ökonomik für den Hort von Vernunft und Rationalität, eine politisch neutrale Funktionswissenschaft, die nicht von Werturteilen, sondern von objektiven Wahrheiten handelte. Zu erschüttern war sein Glaube selbst in Jahren nicht, in denen alles Politik, alles Ideologie war. Schillers akademische Karriere begann im Nationalsozialismus. Selbst hier hielt er an seinem Rationalitätsethos fest und glaubte auch später, nichts als die reine Wissenschaft betrieben zu haben. Dabei arbeitete Schiller, der 1937 aus Karrieregründen der NSDAP beigetreten war, auf Feldern, die für die Politik der Nationalsozialisten eminent wichtig waren.

          Das begann bei seiner Dissertation von 1935, in der er als einer der Ersten das System der nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffung analysierte. Schiller ordnete die Politik der Nationalsozialisten in einen globalen Kontext ein: für ihn war sie Teil einer Wende in der Wirtschaftspolitik, die später als keynesianische Revolution in die Geschichte eingehen sollte. Schiller verstand die Wirtschaftspolitik der Nazis nur als nationale Spielart eines globalen Prozesses, ein Abrücken von liberalen Wirtschaftsprinzipien. Im Vergleich zu diesen Tendenzen erschien ihm die ideologische Ausrichtung eines Landes nicht sonderlich relevant.

          Vom Schutzschirm zur Mission

          Zwischen 1933 und 1945 hatte Schillers technokratisches Weltbild wie ein Schutzschirm funktioniert, unter dem er ohne moralische Bedenken seiner Arbeit nachgehen konnte. Danach verwandelte es sich in eine Mission: Schiller war zutiefst davon überzeugt, dass die Politik nun bald zum Geschäft der kühlen Rechner und unpolitischen Experten würde. Schließlich hätten sich die großen Ideologien als große Illusionen herausgestellt.

          In der Tat avancierten die Wirtschaftswissenschaften fortan zur Beratungswissenschaft par excellence. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte diese Entwicklung 1963 mit der Gründung des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Die Überzeugung, dass die Wirtschaftswissenschaften objektive Wahrheiten anzubieten hatten, war aufgrund des Konsenses innerhalb des Faches möglich: Zu Beginn der 1960er Jahre hatte der Keynesianismus sich als Paradigma moderner Wirtschaftspolitik durchgesetzt.

          „Tisch der kollektiven Vernunft“

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