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Karl Marx : Ein echter Romantiker

Mit Rauschebart: Karl Marx Bild: Frank Röth

So viel von und über Karl Marx zu lesen wie heute gab es noch nie. Höchste Zeit, ihn neu zu entdecken! Er war ein geistreicher Träumer. Ein Marxist war er nicht.

          Ein 19-jähriger Jurastudent schreibt im Oktober 1837 in Berlin einen außergewöhnlichen Brief an den Vater in Trier. „Teurer Vater“, hebt er an: „Es gibt Lebensmomente, die wie Grenzmarken vor eine abgelaufene Zeit sich stellen, aber zugleich auf eine neue Richtung mit Bestimmtheit hinweisen.“ Zwei ganz bestimmte Grenzmarken sind es, die Karl Marx diese neue Richtung vorgeben: Es ist die Liebe. Und es ist die Poesie.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Angesichts der starken inneren Wallungen verblassen selbst die aufregendsten äußeren Eindrücke im Leben des jungen Karl. „Die Felsen, die ich sah, waren nicht schroffer als die Empfindungen meiner Seele, die breiten Städte nicht lebendiger als mein Blut und endlich die Kunst nicht so schön als Jenny.“

          Karl Marx und Jenny von Westphalen, geboren 1814 als Tochter eines hochgebildeten Regierungsrats in Trier, sind schon seit ihrer Kindheit miteinander bekannt und vertraut. Entflammt wurden die beiden erst Jahre später: „Karl, und wenn Du mich so küsstest und an dich presstest und ich vor Angst und Schauer keine Luft mehr bekam und du mich dann so ansiehst, so eigen, so sanft...“, schreibt Jenny ihm 1836, dem Jahr der Verlobung. Schmachtender geht es kaum.

          Marx der Poet

          Eros und Kunst liegen für den jungen Marx eng beieinander. „Ein ebenso fernliegendes Jenseits, wie meine Liebe, wurde mein Himmel, meine Kunst“, bekennt Karl in seinem Brief an den Vater. Er versucht sich als Poet in Romanen und Gedichten, die stets Jenny gelten, auch wenn die Geliebte nicht explizit erwähnt wird:

          Kennst Du das süße Zauberbild,

          Wo Seelen in einander fließen,

          In einem Hauche sich ergießen,

          Melodisch voll und freundlich mild?“

          Marx’ dichterische Exerzitien lassen sich nicht auf spätpubertäre Schwärmerei reduzieren. Kitsch ist es nur für den, der sich noch nie im frühen 19. Jahrhundert umgehört hat. Marx meint es ernst mit der Dichtung; er liest sich wie ein Besessener quer durch die Weltliteratur: Von Homer bis Shakespeare verschlingt er alles, was der verehrte Baron von Westphalen, Jennys Vater, ihm anrät.

          Er verfasst ein „Buch der Liebe“ und ein „Buch der Lieder“. Er schreibt eine Tragödie und eine Novelle „Skorpion und Felix“, angelehnt an Laurence Sternes „Tristram Shandy“. So ähnlich, wenngleich qualitativ besser, treiben es zur selben Zeit auch Jean Paul, E.T.A. Hoffmann oder Adalbert von Chamisso, mit dem Marx gut bekannt ist. Alles ganz im Geiste jener Zeit, die man die Romantik nennt.

          Karl ist ein Träumer. Und er wird es sein Leben lang bleiben. Vor allem in den letzten Jahren seines Lebens. Ihn zuweilen Karl zu nennen, lassen wir uns von Gareth Stedman Jones genehmigen, einem Professor der Ideengeschichte an der Queen Mary University in London, der gerade eine voluminöse Marx-Biographie vollendet hat, die in diesen Tagen erscheint.

          Bekenntnis zum Freihandel

          Der Professor nennt Marx durchgängig Karl, ohne jegliche falsche Vertrautheit, aber mit dem Zweck, schon phonetisch keine Verwechslung mit alledem zuzulassen, was der Marxismus aus Marx gemacht hat. Der romantische Liebhaber kam jedenfalls in der über mehr als hundert Jahre gepflegten Dogmengeschichte des dialektischen Materialismus allenfalls am Rande vor.

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