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Kapitalismuskritik : Wie der Papst in Wirtschaftsfragen irrt

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Erst mit der Aufklärung entstand ein tiefer Riss zwischen freiheitlicher politischer Ökonomie und christlicher Theologie Bild: Illustration Peter von Tresckow

Ist das Christentum eine marktfeindliche Religion? Ist es eine Religion für die Armut, gegen die Reichen? Ganz im Gegenteil: Aus dem Christentum heraus sind entscheidende Grundlagen für den Kapitalismus entstanden.

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          „Diese Wirtschaft tötet“, hat der Papst in „Evangelii Gaudium“ geschrieben: Ein System der „absoluten Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation“ sei dafür verantwortlich. Man müsse darauf „verzichten“ und „die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff“ nehmen. Wie das aussehen soll, darüber schweigt Franziskus. Nun war Wirtschaft auch nur ein Nebenthema seines apostolischen Schreibens von Ende November. Doch dann hätte er seine hochbrisanten Äußerungen entweder mit mehr Substanz unterfüttern oder lassen sollen.

          Das Grundproblem mit Aussagen wie denen des Pontifex ist, dass keine konkreten Ursachen für die genannten strukturellen Probleme der Weltwirtschaft dargelegt werden, sondern sie sich in einer vagen Klage gegen allzu freie Märkte erschöpfen, die aber Unkenntnis offenbaren. Es ist nämlich keinesfalls die „Wirtschaft“, die tötet, wenn, wie der Papst beklagt, „es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht“.

          Der Schuldige, wenn man denn einen Schuldigen pauschal nennen will, ist vielmehr der Staat. Jener Staat, der zum Beispiel in Argentinien, dem Heimatland des Papstes, durch interventionistische und Eigentumsrechte willkürlich bedrohende Politik Investoren verschreckt und die Wirtschaft so in Stagnation und Niedergang führt. Ein Staat, der Mindestlöhne festlegt und damit Schwache aus dem produktiven Erwerbsleben ausschließt und sie abhängig von einer Wohlfahrt macht, die er ebenfalls reguliert und beherrscht. Der Höchstmieten festlegt und damit den Wohnungsmarkt einschränkt. Ein Staat, der Unternehmen reglementiert und besteuert, bis sie auswandern oder schließen und damit empfindliche Wohlfahrtsverluste für die bisherigen Arbeitnehmer und deren Gemeinden verursacht. Der andere, unproduktive Unternehmen subventioniert, so dass Ressourcen unproduktiv verwendet werden und der Kapitalstock einer Nation dahinschrumpft.

          Kernregion des Christentums und Entstehungsort des Kapitalismus

          Der Staat verzerrt die Werte noch auf eine andere Weise. Der Papst kritisiert einen „Fetischismus des Geldes“. Doch wie so oft bei heutigen Marktkritikern wird das Zentralbankensystem als Ursache für Verzerrungen und Verwerfungen ignoriert. Ein Wirtschaftssystem aber, dessen Geld, sein Preis und seine Menge von einem staatlich geschützten Monopol zentralplanerisch gesteuert wird, kann nicht als frei oder gar „autonom“ bezeichnet werden. Auch nicht als sozial, denn die von den Zentralbanken ausgelöste Inflation verursacht betrügerische Umverteilung von unten nach oben. Inflation ist die Hauptursache für den „Geldfetischismus“, denn sie veranlasst die Menschen, viel materialistischer und geldzentrierter zu denken und zu planen, als es in einem natürlichen, so gut wie inflationsfreien System konkurrierender und auf Realwerten wie Gold oder Silber basierenden Geldarten der Fall wäre.

          Die Marktkritik des Papstes ist insgesamt nicht stringent. In einem späteren Abschnitt seines Schreibens lobt Franziskus grundsätzlich die „edle Arbeit“ des Unternehmers, der, in der Lage ist, „die Güter dieser Welt zu mehren und für alle zugänglicher zu machen“ und damit „dem Gemeinwohl zu dienen“. Doch der Schaden durch das Papst-Schreiben ist angerichtet. Schon werden Stimmen laut, die aus Anlass dieser Bemerkungen eine grundsätzliche Marktfeindlichkeit der Kirche oder gar des Christentums konstatieren. Das ist jedoch völlig abwegig. Die historischen Fakten sprechen dagegen.

          Europa ist nicht nur die Kernregion des Christentums, sondern auch der Entstehungsort jener freien, kapitalistischen Marktwirtschaft, die heute für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht wird, obwohl sie den größten, dauerhaftesten und am gerechtesten (weil ohne Zwang) verteilten Wohlstand hervorbringt – wenn man sie nur lässt. Es gibt eine Reihe von Indizien dafür, dass dieser Zusammenhang nicht zufällig ist.

          Der Kapitalismus setzt die Trennung von Kirche und Staat voraus

          Die biblischen Gleichnisse von den Arbeitern im Weinberg und den Talenten funktionieren nicht ohne die Voraussetzung von Privateigentum als unumstößliche Institution. Sie stützen sich auf den Glauben an einen Schöpfer, der den Menschen jeweils individuell einen Teil seines Eigentums an der Welt treuhänderisch überträgt, um die Schöpfung zu mehren. Sämtliche Gleichnisse und Äußerungen Christi, in denen Reiche in schlechtem Licht erscheinen, kritisieren nicht den Wohlstand an sich, sondern dass manch ein Reicher der Versuchung nicht widerstehen kann, seinem Vermögen mehr zu vertrauen als Gott und damit das erste der Zehn Gebote missachtet.

          An keiner Stelle aber spricht die Bibel der staatlichen oder anderweitig gewaltsamen Umverteilung das Wort – nicht einmal im Sonderfall der Urgemeinde von Jerusalem in der Apostelgeschichte. Wir sollen dem Kaiser geben, was des Kaisers ist. Doch was, abgesehen von seinem Privateigentum, gehört ihm? Möglicherweise gar nichts. Auch Römer 13 gibt nicht viel her. Denn die „Obrigkeiten“, denen wir uns unterzuordnen haben, sind nicht notwendigerweise mit dem Staat identisch. Besonders dann nicht, wenn der Staat mit christlichen Geboten bricht.

          Aus genau diesen Bibelstellen entspringt die im Christentum einzigartige und für den Kapitalismus als Voraussetzung unverzichtbare Gewaltentrennung von Thron und Altar, von Staat und Kirche. Nur so werden staatliche Amtsinhaber wirksam und langfristig davon abgehalten, sich so zu verhalten, als seien sie der Herrgott persönlich. Die „Moral der Zukurzgekommenen“, die, wie Nietzsche behauptete, das Römische Reich zu Fall gebracht hat, war die Moral des ausgebeuteten, oft christlichen Mittelstandes, der einer Tyrannei die Gefolgschaft verweigerte, die sie an ihrer korrupten, sklerotischen Verwaltung und inflationären Geldpolitik ersticken ließ.

          Auch das Mittelalter glaubte an Ratio und Fortschritt

          Wie bei jeder kreativen Zerstörung sah das Ende des Römischen Reiches zunächst wie ein Rückschritt oder Zusammenbruch aus. Doch das Wort vom „finsteren Mittelalter“ ist ein „Schwindel, der von antireligiösen, verbitterten antikatholischen Intellektuellen des 18. Jahrhunderts stammt, die entschlossen waren, die kulturelle Überlegenheit ihrer eigenen Epoche zu beweisen und die ihre Behauptung durch Verunglimpfung vorangegangener Jahrhunderte unterfütterten“, schreibt der amerikanische Religionssoziologe Rodney Stark in seinem Buch „Victory of Reason – How Christianity Led to Freedom, Capitalism, and Western Success“.

          Mit dem Christentum setzte sich eine ganz neue Wertschätzung der Arbeit, der Erwerbsarbeit durch – im Unterschied zur griechisch-römischen Antike, die auf einer Sklavenwirtschaft beruhte, wobei die Oberschicht körperliche Arbeit für würdelos hielt. Im Christentum werden Arbeit, Gewerbe und Handel plötzlich wertgeschätzt. Augustinus stellte fest, dass das Sündhafte kein inhärenter Bestandteil des Handels war, sondern dass rechtmäßiges Leben, wie bei jedem Beruf, vom Individuum abhängt. Diese Befreiung der Händler vom Makel des inhärent Bösen hat sich in den folgenden Jahrhunderten als überaus einflussreich erwiesen und ist in der Blüte christlichen Denkens im zwölften und dreizehnten Jahrhundert ein ums andere Mal zitiert worden, wie der Ökonom Murray Rothbard in seiner „Austrian Perspective on the History of Economic Thought“ feststellt.

          Das Christentum hat auch die Ratio des Menschen hervorgehoben. In seinem „De civitate Dei“ („Vom Gottesstaat“) erkennt Augustinus an, dass Gott den Menschen mit einem „rationalen Wesen“ ausgestattet hat, mit dem er „Fähigkeiten entdecken, lernen und ausüben kann“. Mit diesen habe der Mensch wunderbare Erfindungen im Bekleidungs- und Gebäudewesen geschaffen, Fortschritte in der Landwirtschaft und Navigation und vieles andere mehr. Rodney Stark schlussfolgert: Das christliche Bild Gottes seit dem Frühmittelalter „ist das eines rationalen Wesens, das an den menschlichen Fortschritt glaubt“. Privateigentum sei der „natürliche Zustand“ – ein Diktum, das Jahrhunderte später auch Thomas von Aquin in seiner Untersuchung des Naturrechts übernahm und von den späten Scholastikern sowie den protestantischen Philosophen Hugo Grotius und John Locke weiterentwickelt wurden.

          Die Entstehung von Wohlstand untersuchen, nicht die von Armut

          Zusammen mit der aus dem theologischen Fundament des Christentums hervorgegangenen dezentralisierten Verwaltungsstruktur förderten die Rationalitätsprämisse, der Schutz des Privateigentums sowie der Fortschrittsglaube die erste industrielle Revolution – die des europäischen Mittelalters. Wasser- und Windkraftanlagen, Pferdegeschirr und das Drei-Felder-System führten zu großen Produktivitätssteigerungen. Später, aber noch lange vor der Neuzeit, kamen Kamine, Brillen, Uhren und eine Vielzahl anderer Innovationen hinzu. In anderen Regionen und zu anderen Zeiten wurden ähnliche Erfindungen gemacht, aber nur im christlichen Europa fanden sie eine weite und ungehinderte Verbreitung.

          Sogar in der Geldpolitik waren christliche Denker wegweisend: Auf der Grundlage biblischer Gebote verurteilte der französische Bischof Nikolaus von Oresme im 14. Jahrhundert die Bemühungen der Fürsten, mittels Münzänderungen den Wert des Geldes zu ihren Gunsten zu manipulieren. Er war somit ein Vorläufer der heutigen Kritiker des Zentralbankwesens, die der Österreichischen Schule der Ökonomie angehören. Christliche Denker der Spätscholastik gelangten an der Universität von Salamanca im 16. Jahrhundert zu erstaunlich modernen Einsichten über die Wirtschaft: dass nämlich die Preise von allem, einschließlich des Geldes, letztlich von subjektiven Bewertungen der Individuen bestimmt werden; der objektiv „gerechte“ Preis – über den im Mittelalter so viel debattiert worden war – sei daher allein der auf dem freien Markt entstandene. Andere Theologen sahen das zwar anders, aber der entscheidende Punkt hier ist: Nur in einem Streit im Rahmen christlicher Theologie entstand ein Gedanke, der heute felsenfeste Grundlage freiheitlicher Markttheorie ist.

          Erst mit der Aufklärung entstand ein tiefer Riss zwischen freiheitlicher politischer Ökonomie und christlicher Theologie. Rothbard, ein Agnostiker, nennt diese Spaltung „tragisch“, denn sie trennte „zwei Traditionen, die in Wirklichkeit vieles miteinander verband, und stellte diese zwei mächtigen Kräfte fast dauerhaft gegeneinander“. Dieser Riss hielt jedoch einen englischen Prediger namens John Wesley nicht davon ab, Mitte des achtzehnten Jahrhunderts kreuz und quer durch seine Heimat zu reisen und seinem Publikum den überaus prokapitalistischen Rat zu erteilen, „so viel zu verdienen, so viel zu sparen und so viel zu spenden wie möglich“. Mit seiner emphatischen, biblisch fundierten Rhetorik zeigte der Methodist Millionen armer Menschen, die nie von Adam Smith gehört hatten, den Weg zum Wohlstand auf und trug nicht unwesentlich zum geistigen Fundament der neuzeitlichen industriellen Revolution bei. Das amerikanische Acton-Institut des katholischen Geistlichen Robert Sirico setzt diese Tradition heute fort, indem es, statt zu untersuchen, wie Armut entsteht, von der Frage ausgeht, was den Wohlstand verursacht.

          Moderne Varianten der Staatsreligion

          Die Trennung der liberalen politischen Ökonomie von ihren christlichen Wurzeln hat nicht nur dazu geführt, dass das Mainstream-Christentum Privateigentum und wirtschaftliche Freiheit nicht mehr wirksam verteidigt oder oft gar verurteilt. Sie hat auch wesentlich dazu beigetragen, dass im Westen eine ganz andere „Religion“ die meisten Köpfe erobert hat. Eine Religion, die an Erlösung durch Politik glaubt und deren Anhänger daher den Staat, also jene weltliche Macht, die der Teufel erfolglos Jesus anbot, als oberste Instanz betrachten – zumindest unbewusst.

          Eine Religion, die Thron und Altar wieder zusammenfügt. So stellt es überzeugend der amerikanische Historiker, „österreichische“ Ökonom und Calvinist Gary North in seiner mehrbändigen ökonomischen Bibel-Exegese dar. Nationalsozialismus und Kommunismus waren zwei extreme Varianten dieser Religion. Gottkaiser und Pharaonen waren die Vorbilder ihrer Führer. Heute gibt es moderne, „weichere“ Varianten der Staatsreligion, die den Menschen lenken, bevormunden und umerziehen wollen (etwa der Genderismus oder der Ökologismus). Was viele dieser linken Ideologien eint, ist der Antikapitalismus und eine Feindschaft gegenüber einem Christentum, das eine historisch einzigartig freie Marktwirtschaft in einer Gesellschaft freier, selbstbewusster Menschen hervorbringt.

          Die Äußerungen des 266sten Papstes sind repräsentativ für die moderne Unkenntnis vieler Christen über die politische Ökonomie einer wirklich freien Marktwirtschaft und wie diese aus ihren Glaubensgrundsätzen erwächst. Innere Widersprüche halten aber nicht ewig. Es bleibt die Hoffnung, dass sich eines Tages wieder mehr Christen auf die unverzichtbaren, freiheitlichen Grundlagen ihres Glaubens besinnen werden.

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