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Kapitalismuskritik : Wie der Papst in Wirtschaftsfragen irrt

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Erst mit der Aufklärung entstand ein tiefer Riss zwischen freiheitlicher politischer Ökonomie und christlicher Theologie. Rothbard, ein Agnostiker, nennt diese Spaltung „tragisch“, denn sie trennte „zwei Traditionen, die in Wirklichkeit vieles miteinander verband, und stellte diese zwei mächtigen Kräfte fast dauerhaft gegeneinander“. Dieser Riss hielt jedoch einen englischen Prediger namens John Wesley nicht davon ab, Mitte des achtzehnten Jahrhunderts kreuz und quer durch seine Heimat zu reisen und seinem Publikum den überaus prokapitalistischen Rat zu erteilen, „so viel zu verdienen, so viel zu sparen und so viel zu spenden wie möglich“. Mit seiner emphatischen, biblisch fundierten Rhetorik zeigte der Methodist Millionen armer Menschen, die nie von Adam Smith gehört hatten, den Weg zum Wohlstand auf und trug nicht unwesentlich zum geistigen Fundament der neuzeitlichen industriellen Revolution bei. Das amerikanische Acton-Institut des katholischen Geistlichen Robert Sirico setzt diese Tradition heute fort, indem es, statt zu untersuchen, wie Armut entsteht, von der Frage ausgeht, was den Wohlstand verursacht.

Moderne Varianten der Staatsreligion

Die Trennung der liberalen politischen Ökonomie von ihren christlichen Wurzeln hat nicht nur dazu geführt, dass das Mainstream-Christentum Privateigentum und wirtschaftliche Freiheit nicht mehr wirksam verteidigt oder oft gar verurteilt. Sie hat auch wesentlich dazu beigetragen, dass im Westen eine ganz andere „Religion“ die meisten Köpfe erobert hat. Eine Religion, die an Erlösung durch Politik glaubt und deren Anhänger daher den Staat, also jene weltliche Macht, die der Teufel erfolglos Jesus anbot, als oberste Instanz betrachten – zumindest unbewusst.

Eine Religion, die Thron und Altar wieder zusammenfügt. So stellt es überzeugend der amerikanische Historiker, „österreichische“ Ökonom und Calvinist Gary North in seiner mehrbändigen ökonomischen Bibel-Exegese dar. Nationalsozialismus und Kommunismus waren zwei extreme Varianten dieser Religion. Gottkaiser und Pharaonen waren die Vorbilder ihrer Führer. Heute gibt es moderne, „weichere“ Varianten der Staatsreligion, die den Menschen lenken, bevormunden und umerziehen wollen (etwa der Genderismus oder der Ökologismus). Was viele dieser linken Ideologien eint, ist der Antikapitalismus und eine Feindschaft gegenüber einem Christentum, das eine historisch einzigartig freie Marktwirtschaft in einer Gesellschaft freier, selbstbewusster Menschen hervorbringt.

Die Äußerungen des 266sten Papstes sind repräsentativ für die moderne Unkenntnis vieler Christen über die politische Ökonomie einer wirklich freien Marktwirtschaft und wie diese aus ihren Glaubensgrundsätzen erwächst. Innere Widersprüche halten aber nicht ewig. Es bleibt die Hoffnung, dass sich eines Tages wieder mehr Christen auf die unverzichtbaren, freiheitlichen Grundlagen ihres Glaubens besinnen werden.

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