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Kapitalismuskritik : Wie der Papst in Wirtschaftsfragen irrt

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Mit dem Christentum setzte sich eine ganz neue Wertschätzung der Arbeit, der Erwerbsarbeit durch – im Unterschied zur griechisch-römischen Antike, die auf einer Sklavenwirtschaft beruhte, wobei die Oberschicht körperliche Arbeit für würdelos hielt. Im Christentum werden Arbeit, Gewerbe und Handel plötzlich wertgeschätzt. Augustinus stellte fest, dass das Sündhafte kein inhärenter Bestandteil des Handels war, sondern dass rechtmäßiges Leben, wie bei jedem Beruf, vom Individuum abhängt. Diese Befreiung der Händler vom Makel des inhärent Bösen hat sich in den folgenden Jahrhunderten als überaus einflussreich erwiesen und ist in der Blüte christlichen Denkens im zwölften und dreizehnten Jahrhundert ein ums andere Mal zitiert worden, wie der Ökonom Murray Rothbard in seiner „Austrian Perspective on the History of Economic Thought“ feststellt.

Das Christentum hat auch die Ratio des Menschen hervorgehoben. In seinem „De civitate Dei“ („Vom Gottesstaat“) erkennt Augustinus an, dass Gott den Menschen mit einem „rationalen Wesen“ ausgestattet hat, mit dem er „Fähigkeiten entdecken, lernen und ausüben kann“. Mit diesen habe der Mensch wunderbare Erfindungen im Bekleidungs- und Gebäudewesen geschaffen, Fortschritte in der Landwirtschaft und Navigation und vieles andere mehr. Rodney Stark schlussfolgert: Das christliche Bild Gottes seit dem Frühmittelalter „ist das eines rationalen Wesens, das an den menschlichen Fortschritt glaubt“. Privateigentum sei der „natürliche Zustand“ – ein Diktum, das Jahrhunderte später auch Thomas von Aquin in seiner Untersuchung des Naturrechts übernahm und von den späten Scholastikern sowie den protestantischen Philosophen Hugo Grotius und John Locke weiterentwickelt wurden.

Die Entstehung von Wohlstand untersuchen, nicht die von Armut

Zusammen mit der aus dem theologischen Fundament des Christentums hervorgegangenen dezentralisierten Verwaltungsstruktur förderten die Rationalitätsprämisse, der Schutz des Privateigentums sowie der Fortschrittsglaube die erste industrielle Revolution – die des europäischen Mittelalters. Wasser- und Windkraftanlagen, Pferdegeschirr und das Drei-Felder-System führten zu großen Produktivitätssteigerungen. Später, aber noch lange vor der Neuzeit, kamen Kamine, Brillen, Uhren und eine Vielzahl anderer Innovationen hinzu. In anderen Regionen und zu anderen Zeiten wurden ähnliche Erfindungen gemacht, aber nur im christlichen Europa fanden sie eine weite und ungehinderte Verbreitung.

Sogar in der Geldpolitik waren christliche Denker wegweisend: Auf der Grundlage biblischer Gebote verurteilte der französische Bischof Nikolaus von Oresme im 14. Jahrhundert die Bemühungen der Fürsten, mittels Münzänderungen den Wert des Geldes zu ihren Gunsten zu manipulieren. Er war somit ein Vorläufer der heutigen Kritiker des Zentralbankwesens, die der Österreichischen Schule der Ökonomie angehören. Christliche Denker der Spätscholastik gelangten an der Universität von Salamanca im 16. Jahrhundert zu erstaunlich modernen Einsichten über die Wirtschaft: dass nämlich die Preise von allem, einschließlich des Geldes, letztlich von subjektiven Bewertungen der Individuen bestimmt werden; der objektiv „gerechte“ Preis – über den im Mittelalter so viel debattiert worden war – sei daher allein der auf dem freien Markt entstandene. Andere Theologen sahen das zwar anders, aber der entscheidende Punkt hier ist: Nur in einem Streit im Rahmen christlicher Theologie entstand ein Gedanke, der heute felsenfeste Grundlage freiheitlicher Markttheorie ist.

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