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Kapitalismuskritik : Wie der Papst in Wirtschaftsfragen irrt

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Die Marktkritik des Papstes ist insgesamt nicht stringent. In einem späteren Abschnitt seines Schreibens lobt Franziskus grundsätzlich die „edle Arbeit“ des Unternehmers, der, in der Lage ist, „die Güter dieser Welt zu mehren und für alle zugänglicher zu machen“ und damit „dem Gemeinwohl zu dienen“. Doch der Schaden durch das Papst-Schreiben ist angerichtet. Schon werden Stimmen laut, die aus Anlass dieser Bemerkungen eine grundsätzliche Marktfeindlichkeit der Kirche oder gar des Christentums konstatieren. Das ist jedoch völlig abwegig. Die historischen Fakten sprechen dagegen.

Europa ist nicht nur die Kernregion des Christentums, sondern auch der Entstehungsort jener freien, kapitalistischen Marktwirtschaft, die heute für alle Übel der Welt verantwortlich gemacht wird, obwohl sie den größten, dauerhaftesten und am gerechtesten (weil ohne Zwang) verteilten Wohlstand hervorbringt – wenn man sie nur lässt. Es gibt eine Reihe von Indizien dafür, dass dieser Zusammenhang nicht zufällig ist.

Der Kapitalismus setzt die Trennung von Kirche und Staat voraus

Die biblischen Gleichnisse von den Arbeitern im Weinberg und den Talenten funktionieren nicht ohne die Voraussetzung von Privateigentum als unumstößliche Institution. Sie stützen sich auf den Glauben an einen Schöpfer, der den Menschen jeweils individuell einen Teil seines Eigentums an der Welt treuhänderisch überträgt, um die Schöpfung zu mehren. Sämtliche Gleichnisse und Äußerungen Christi, in denen Reiche in schlechtem Licht erscheinen, kritisieren nicht den Wohlstand an sich, sondern dass manch ein Reicher der Versuchung nicht widerstehen kann, seinem Vermögen mehr zu vertrauen als Gott und damit das erste der Zehn Gebote missachtet.

An keiner Stelle aber spricht die Bibel der staatlichen oder anderweitig gewaltsamen Umverteilung das Wort – nicht einmal im Sonderfall der Urgemeinde von Jerusalem in der Apostelgeschichte. Wir sollen dem Kaiser geben, was des Kaisers ist. Doch was, abgesehen von seinem Privateigentum, gehört ihm? Möglicherweise gar nichts. Auch Römer 13 gibt nicht viel her. Denn die „Obrigkeiten“, denen wir uns unterzuordnen haben, sind nicht notwendigerweise mit dem Staat identisch. Besonders dann nicht, wenn der Staat mit christlichen Geboten bricht.

Aus genau diesen Bibelstellen entspringt die im Christentum einzigartige und für den Kapitalismus als Voraussetzung unverzichtbare Gewaltentrennung von Thron und Altar, von Staat und Kirche. Nur so werden staatliche Amtsinhaber wirksam und langfristig davon abgehalten, sich so zu verhalten, als seien sie der Herrgott persönlich. Die „Moral der Zukurzgekommenen“, die, wie Nietzsche behauptete, das Römische Reich zu Fall gebracht hat, war die Moral des ausgebeuteten, oft christlichen Mittelstandes, der einer Tyrannei die Gefolgschaft verweigerte, die sie an ihrer korrupten, sklerotischen Verwaltung und inflationären Geldpolitik ersticken ließ.

Auch das Mittelalter glaubte an Ratio und Fortschritt

Wie bei jeder kreativen Zerstörung sah das Ende des Römischen Reiches zunächst wie ein Rückschritt oder Zusammenbruch aus. Doch das Wort vom „finsteren Mittelalter“ ist ein „Schwindel, der von antireligiösen, verbitterten antikatholischen Intellektuellen des 18. Jahrhunderts stammt, die entschlossen waren, die kulturelle Überlegenheit ihrer eigenen Epoche zu beweisen und die ihre Behauptung durch Verunglimpfung vorangegangener Jahrhunderte unterfütterten“, schreibt der amerikanische Religionssoziologe Rodney Stark in seinem Buch „Victory of Reason – How Christianity Led to Freedom, Capitalism, and Western Success“.

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