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John Maynard Keynes : Der Ökonom der Unsicherheit

John Maynard Keynes (1883-1946) Bild: AP

Viele Jahre waren die Theorien des britischen Ökonomen John Maynard Keynes etwas ins Hintertreffen geraten. Die Finanzmarkt- und Konjunkturkrise beschert John Maynard Keynes nun ein unerwartetes Comeback.

          Ökonomen können nichts dafür, was nach ihrem Tod mit ihrem Werk geschieht. Dem Ansehen des großen britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883 bis 1946) hat nichts so sehr geschadet wie der Machbarkeitswahn der sechziger und siebziger Jahre, als Politiker und Wissenschaftler meist linker Provenienz mit Bezug auf den Namen Keynes glaubten, den Wirtschaftsablauf feinsteuern und Wohlfahrtsstaaten auf Dauer mit Neuverschuldung finanzieren zu können. Die Liberalen um Milton Friedman, der in seiner Jugend noch ein Anhänger von Keynes gewesen war, fanden es leicht, das durch seine Nachfahren diskreditierte Werk des Briten als herrschende Lehre abzulösen.

          Mit der aktuellen Krise ist nun der Liberalismus - zu Recht oder zu Unrecht - unter Beschuss gekommen, und Keynes feiert eine unerwartete Wiederkehr. Kreditfinanzierte Konjunkturprogramme kommen in Mode, öffentlich unterstützt von Topmanagern und den Finanzmärkten, die man eigentlich im Lager der Liberalen wähnen sollte. Erstaunlich ist deren Unterstützung freilich nicht, denn Manager sind keine Ideologen, sondern Pragmatiker. Und auch Keynes war ein Pragmatiker, dem allerdings das Unglück geschah, posthum auch von Ideologen vereinnahmt zu werden.

          Keynes großes Werk war die von der Weltwirtschaftskrise beeinflusste, im Jahr 1936 erschienene "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes". Das Buch ist, wie selbst Wohlmeinende früh anmerkten, in Teilen ziemlich unverständlich geschrieben und hat daher zu vielerlei Interpretationen Anlass gegeben. Unbestritten bleibt, dass Keynes in der "Allgemeinen Theorie" als erster bedeutender Ökonom die Folgen von Unsicherheit für das wirtschaftliche Geschehen erkannt und analysiert hat. Er widersprach der herkömmlichen Theorie, wonach die Selbstheilungskräfte des Marktes stets eine Rückkehr zu einem wirtschaftlichen Gleichgewicht garantieren. In der Welt von Keynes tauchen stattdessen die Unternehmer und Konsumenten aus der Weltwirtschaftskrise auf: Unternehmen, die trotz niedriger Zinsen nicht investieren, weil sie keine Absatzmärkte für ihre Produkte sehen; und Konsumenten, die aus Unsicherheit über die Zukunft ihr Geld beisammenhalten, anstatt es auszugeben.

          In einer solchen Situation konnte es nach Keynes nur eine Möglichkeit geben, die Wirtschaft in Schwung zu bringen: Der Staat muss Vertrauen erzeugen, selbst die Produktion anregen und auf diese Weise Arbeitsplätze und Einkommen schaffen. Der Brite war weiß Gott nicht der erste Ökonom, der solche Gedanken äußerte; über die zahlreichen "Keynesianer vor Keynes" sind dicke Bücher verfasst worden. Aber das hohe Prestige, das Keynes als einer der großen Ökonomen seiner Zeit genoss, sorgte im Verein mit der Weltwirtschaftskrise für eine günstige Aufnahme seines Werkes.

          Manche Liberalen haben Keynes als Sozialisten bezeichnet, der den staatlichen Wolf in die marktwirtschaftliche Herde gelassen habe, ohne über die Folgen nachzudenken. In gewissem Sinne ist Friedrich von Hayeks Werk "Der Weg zur Knechtschaft", das jede Abkehr vom marktwirtschaftlichen Weg in die sozialistische Tyrannei führen lässt, eine Replik auf Keynes gewesen. Richtig ist, dass Keynes dem Staat zu viel zutraute. Die Erfahrungen mit Konjunkturprogrammen sind nicht durchweg negativ, aber auch nicht sehr positiv. Sein Werk ist weniger eine "Allgemeine Theorie", sondern eine Handlungsanleitung für staatliche Noteingriffe mit ungewissem Ausgang in schweren Wirtschaftskrisen.

          Keynes ging es allerdings nicht um die Einführung des Sozialismus, sondern um die Rettung der bürgerlichen Gesellschaft vor den Totalitarismen seiner Zeit. Er entstammte einem Professorenhaushalt, gehörte der Liberalen Partei an, beriet Regierungen und Investmentfonds, liebte die schönen Künste und verabscheute den Marxismus. Zeitgenossen haben Keynes eher als geistreichen (Lebens-)Künstler mit ungemein breiter Bildung denn als hart arbeitenden Fachwissenschaftler geschildert. Die "Allgemeine Theorie" wäre nie entstanden, hätte nicht ein kleiner Kreis ergebener Schüler den zur Bequemlichkeit neigenden Keynes jahrelang gedrängt, das Werk endlich zu schreiben.

          Was Keynes auszeichnete, war intellektuelle Aufrichtigkeit. Er machte sich in seinem Heimatland unbeliebt, als er den Versailler Vertrag wegen der dem Deutschen Reich aufgebürdeten Lasten für geradezu schädlich hielt. Die Rückkehr Großbritanniens zum Goldstandard 1925 betrachtete er als einen der schlimmsten wirtschaftspolitischen Fehler aller Zeiten. Die aktuelle Wiedergeburt des Briten mag sich als vorübergehendes Phänomen herausstellen, weil seine Lehren weniger schlagkräftig waren, als er dachte. Lernen lässt sich von Keynes, dass schwere Krisen Zeiten sind, die zum Nachdenken abseits der Schablonen einladen.

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