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Hirnforscher Hüther im Gespräch : „Erst die Arbeit macht uns zu Menschen“

  • Aktualisiert am

Eine VW-Mitarbeiterin in Wolfsburg Bild: dpa

Der Mensch denkt, plant und schuftet: Der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther spricht im Interview über Fleiß und Faulheit, den größten Flop der Wissenschaft – und Glücksgefühle bei der Arbeit.

          6 Min.

          Herr Hüther, reden wir über Arbeit und Glücksgefühle. Würden sich viele mit der Arbeit leichter tun, wenn die Faulheit nicht in den Genen läge?

          Weder Faulheit noch Fleiß sind genetisch bedingt. Das weiß die Neurobiologie heute sicher. Die meisten Menschen hingegen denken immer noch, alles liegt an den Genen. Kein Wunder, noch vor etwa zehn Jahren wurde eine wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht, die für sich in Anspruch nahm, das Gen für Faulheit gefunden zu haben. Stubenhocker-Gen wurde es genannt. Eine wunderbare Entschuldigung dafür, sich nicht anzustrengen. Aber so leicht kommen wir nicht davon.

          Warum glaubte man das vor ein paar Jahren noch?

          Damals schlug das sogenannte Humangenomprojekt hohe Wellen, in dem es darum ging, das Erbgut des Menschen zu sequenzieren. Nur entpuppte sich dieses Projekt als der größte und wohl teuerste Flop, den wir wissenschaftsgeschichtlich je zustande gebracht haben. Am Ende hat sich nämlich gezeigt, dass der Mensch, anders als es die Genom-Forscher mit ihrem mechanistischen Weltbild erwartet hatten, nicht viel mehr Gene hat als ein Fadenwurm. Die These des genetischen Determinismus, dass also alles im Erbgut festgelegt ist, ließ sich schlicht nicht halten. Von Genen lässt sich nicht auf komplexe Merkmale oder gar Verhaltensmuster schließen.

          Der Fadenwurm frisst nur. Wir Menschen aber denken, planen, arbeiten. Irgendetwas muss den Menschen doch zum Menschen machen.

          Den französische Botaniker und Zoologe Jean-Baptiste Lamarck trieb schon im späten 18. Jahrhundert die Vorstellung um, dass Eigenschaften nicht vererbt, sondern erworben werden. Tiere könnten bestimmte Eigenschaften erwerben, weil sie sich anstrengten. Bis in die fünfziger Jahre hinein haben sich die Wissenschaftler darüber heftig gestritten, dann bekam zunächst die Gentechnik Oberwasser. Heute wissen wir, dass Lamarck nicht ganz falsch lag. Glücklicherweise.

          Wenn nicht die Gene, welches Grundprinzip liegt unseren Eigenschaften dann zugrunde?

          Im unserem Gehirn ist ganz zu Beginn des Lebens sehr viel mehr angelegt, als gebraucht wird, sowohl an Zellen als auch an Vernetzungen. Alles vernetzt sich mit allem - fast wie ein Spiel. Das ist genetisch. Aber nicht alle diese Vernetzungen und Zellen werden gebraucht. Das, was sich als sinnvolle neuronale Vernetzung erweist, weil es in der Praxis nutzbar ist, bleibt stehen, der Rest wird wieder abgeräumt.

          Was bleibt zunächst stehen?

          Vorgeburtlich sind das jene Vernetzungen, die für die Regulation des eigenen Körpers gebraucht werden. Das heißt, das Hirn lernt schon vor der Geburt, wie es sich anhand der aus dem eigenen Körper kommenden Signalmuster strukturieren muss. Deshalb sind die Menschen schon zum Zeitpunkt der Geburt alle verschieden und damit einzigartig. Es gibt ängstliche und weniger ängstliche Menschen, faule und fleißige. Die wiederum machen ganz unterschiedliche Erfahrungen.

          Was für Erfahrungen?

          Erfahrungen in unseren Beziehungswelten. Zunächst als Kind in der Familie, in die man hineingeboren wird. Aufgrund dieser Erfahrungen verfestigen sich bestimmte Netzwerkstrukturen im Gehirn. Wenn in einer Familie Arbeit immer nur als lästige Pflicht erfahren wird, verinnerlicht auch das Kind, dass Arbeit nichts Gutes ist. Schon die Schule wird dann als lästige Pflicht empfunden, entsprechend hoch sind die Lernwiderstände.

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