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Hirnforscher Hüther im Gespräch : „Erst die Arbeit macht uns zu Menschen“

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Warum?

Weil wir dann allzu leicht zu Objekten gemacht werden, zu Objekten von Beurteilungen, Bewertungen und am Ende Maßnahmen des Arbeitgebers. Mit unserer angeborenen Entdeckerfreude und unserer Gestaltungslust machen wir in solchen Arbeitsverhältnissen sehr ungünstige Erfahrungen, die im wahrsten Sinne des Wortes schmerzhaft sind. Wir müssen einen Weg finden, diesen Schmerz zu überwinden.

Aber wie?

Indem wir nach einer Lösung suchen, zum Beispiel, indem wir uns einreden, dass die Arbeit schrecklich und der Chef unerträglich ist. Nach ähnlichem Muster machen schon Kinder in der Schule ungünstige Erfahrungen. Sie werden auf ihre Noten reduziert und versteifen sich, damit sie Schule überhaupt aushalten können, auf die Lösung: Schule ist doof. Auszubildenden geht es, um noch ein anderes Beispiel zu nennen, oft nicht besser. Sie erfahren sehr schnell, dass das, was sie einbringen möchten und könnten, überhaupt nicht gefragt ist. Der natürliche Drang, tätig zu werden, wird gebremst. Unser Hirn ist aber anders angelegt. Deshalb wollen wir Probleme lösen, dazu gehören gestalten, beitragen, permanent lernen.

Spielt uns das Gehirn bei solchen Lösungen, dass die Arbeit schrecklich ist, nicht am Ende übel mit?

Diese Lösungen sind in der Tat ungemein wirkmächtig. Das Gehirn wird darauf regelrecht programmiert. Deshalb kommen wir auch nur so schwer davon los, mit dem Ergebnis, dass wir versuchen, möglichst schnell mit der Arbeit fertig zu werden.

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Müsste es demnach nicht einen neuen gesellschaftlichen Konsens über die Definition von Arbeit geben?

Den muss und wird es geben. Die Veränderungen haben schon begonnen. Aber so ein Konsens wird nicht von oben verordnet, sondern wächst aus der Bevölkerung heraus. Ich beobachte zwei große Trends: einmal die Automatisierung, die unangenehme, zeitaufwendige und stupide Arbeiten immer mehr den Robotern überlässt. Das sind genau die Arbeiten, bei denen man hofft, dass die Zeit schnell vergeht - Fließbandarbeit zum Beispiel. Roboter befreien uns zunehmend von diesen Tätigkeiten, die wir Arbeit nennen, aber für das Hirn gar keine gute Arbeit sind. Der zweite Trend ist, dass es die jungen Menschen einfach nicht mehr hinnehmen, dass sie ein Leben lang einen schlechten Job machen müssen, nur um Geld zu verdienen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die Arbeit Freude machen muss. Für die jungen, gut ausgebildeten Menschen ist Arbeit etwas anderes als das, was wir unter Lohnarbeit verstanden haben.

Warum akzeptieren wir erst jetzt, dass Arbeit zum Menschsein gehört?

Weil wir inzwischen sehr viel mehr darüber wissen, wie unser Gehirn funktioniert und was uns guttut.

Und wann sind wir endlich glücklich?

Wenn alles gut passt. Wir Neurobiologen nennen das Kohärenz, wenn das, was wir uns wünschen, und das, was wir in der Realität erleben, übereinstimmt. Wenn die alten Erfahrungen zu den neuen Gegebenheiten passen, wenn wir in die Welt passen, in ein soziales Beziehungsgefüge, auf das wir Menschen nun einmal angewiesen sind. Die Arbeit bietet ein Beziehungsgefüge. Wer allein ist, ist nicht kohärent. Er ist nicht glücklich.

Der Neurobiologe

Der neurobiologe Professor Gerald Hüther aus Göttingen ist einer der bekanntesten Neurobiologen in Deutschland. Er studierte Biologie in Leipzig und wurde dort auch promoviert. Ende der 70er Jahre floh er aus der DDR, forschte 1979 bis 1989 am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen über Hirnentwicklungsstörungen. 1988 habilitierte er sich dort und erhielt eine Lehrerlaubnis. Bekannt wurde er vor allem durch seine populärwissenschaftlichen Bücher, zuletzt erschien sein Buch „Etwas mehr Hirn, bitte“. Der umtriebige Wissenschaftler ist auch Gründer der „Akademie für Potentialentfaltung“.

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