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Hirnforscher Hüther im Gespräch : „Erst die Arbeit macht uns zu Menschen“

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Arbeit soll Spaß machen, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther: Das können Eltern ihren Kindern beibringen.
Arbeit soll Spaß machen, sagt der Hirnforscher Gerald Hüther: Das können Eltern ihren Kindern beibringen. : Bild: Daniel Pilar

Wenn ich schon früh lerne, dass Arbeit lästig ist, dann plagt mich den Rest meines Lebens die Faulheit?

Nicht unbedingt, denn unser Gehirn ist plastisch. Es kann sich verändern. Der Mensch kann umlernen. Aber dazu müsste man eine neue, eine günstigere Erfahrung mit dem machen, was wir Arbeit nennen.

Das Verhältnis der Menschen zur Arbeit ist ambivalent: Arbeit macht glücklich, heißt es. Trotzdem wollen wir wenig arbeiten. Warum?

Mit Arbeit verbinden wir in erster Linie das Geldverdienen. Das bedeutet, dass wir unsere Haut für ein Entgelt zu Markte tragen. Dieses heute gängige Verständnis von Arbeit hat sich mit der Entstehung der großen Fabriken im 19. Jahrhundert herausgebildet. Das Bestreben, bloß nicht zu viel zu arbeiten, kommt aus der Lohnarbeit als Notwendigkeit, sich den Lebensunterhalt zu sichern.

Neue Umfragen zeigen, dass über 60 Prozent mit ihrer Arbeit ganz zufrieden sind, auch wenn sie sich immer wieder auf Urlaub freuen.

Auch das ist logisch. Arbeit hat mehrere Zwecke, nicht nur den, sein Auskommen zu sichern. Der Mensch, der in Gemeinschaften lebt, braucht immer etwas, das ihn mit diesen Gemeinschaften verbindet. Wir sind soziale Wesen. Unser Gehirn strukturiert sich ein Leben lang vor allem aufgrund der Erfahrungen mit anderen. Wir sind also so angelegt, dass wir immer nach Gelegenheiten suchen, mit anderen gemeinsam etwas zu tun. Wir wollen verbunden sein und gleichzeitig zeigen, dass wir etwas drauf haben. Verbundenheit auf der einen Seite, Freiheit und Autonomie auf der anderen - das sind die zwei menschlichen Grundbedürfnisse. Und die lassen sich am besten durch Arbeit stillen.

Indem ich arbeite, kann ich mir selbst und anderen zeigen, dass ich ein autonomes Wesen bin...

 ... und dass Sie auf Ihrem Gebiet immer besser werden. Gleichzeitig sind Sie durch Ihren Beitrag auch mit den anderen verbunden. Verbundenheit ist die Primärerfahrung eines jeden Menschen, weil er ganz am Anfang seiner Existenz ohne verbunden zu sein nicht hätte überleben können. Dieses Grundbedürfnis wird er nie wieder los.

Dann müssten Menschen unglücklich werden, wenn sie nicht arbeiten.

Das werden viele, auch wenn sie erst einmal froh sind, nicht mehr arbeiten zu müssen. Nach einiger Zeit merken sie, dass ihnen etwas fehlt, wenn sie nicht mehr arbeiten. Autonomie und Verbundenheit erlebbar zu machen in individualisierten Gemeinschaften ist entwicklungsgeschichtlich gesehen das Erfolgsmodell der Primaten. Wir bilden keine Herden, wir leben nicht im Ameisenstaat, sondern in individualisierten Gemeinschaften. Anders als im Ameisenstaat bringen hier Einzelne immer neue Ideen hervor, die jeder andere, wenn er sie für sinnvoll erachtet, nachahmen und übernehmen kann oder auch nicht.

Könnte man sagen, dass uns Arbeit erst zum Menschen macht?

Friedrich Engels überschrieb einen seiner Aufsätze mit dem hübschen Titel: „Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen.“ Da ist etwas dran, wenn man die Arbeit im weiteren Sinn als ein Tätigsein definiert. Darauf sind wir angewiesen, sonst könnten wir uns überhaupt nicht als autonome Wesen erleben. Man wüsste nicht, wer man ist, weil man sich selbst nicht vergleichen kann. Bisweilen verhalten wir uns in unserer hoch arbeitsteiligen Welt allerdings wie die Arbeiter im Ameisenstaat und wollen am liebsten nur noch Urlaub haben. Genau dann haben wir den Arbeitsbegriff auf die reine Lohnarbeit verengt. Und die macht uns nicht glücklich.

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