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Institut für Weltwirtschaft : Wirtschaftsforscher Horst Siebert gestorben

Horst Siebert Bild: dpa

Generationen von Studenten haben aus seinen Lehrbüchern gelernt. Als Mitglied im Sachverständigenrat gehörte Horst Siebert zu den prägenden Ökonomen der neunziger Jahre. Nun starb er nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 71 Jahren in einem Schweizer Hospital.

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          Politikberatung hat Horst Siebert immer als „geduldiges Bohren dicker Bretter“ verstanden. In den letzten Jahren und Monaten war er jedoch zunehmend in Sorge, dass die ökonomische Vernunft in diesem Lande verloren gehe. Er sah Deutschland in der Weltwirtschaftskrise an einem Scheideweg: Wird es eine große Wende zurück zu hohem Staatseinfluss, gar zu einer Staatswirtschaft geben? In Artikeln und Aufsätzen hat er davor gewarnt. Just in dieser kritischen Zeit ist Siebert am Dienstag nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 71 Jahren in einem Schweizer Hospital gestorben, wie das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel mitteilte.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Siebert war von 1989 bis 2003 Präsident des Kieler Instituts und stärkte dessen hohen wissenschaftlichen Ruf und Ausstrahlung auf die Politik. Auf einen Vorschlag des IfW geht beispielsweise der europäische Stabilitätspakt zurück. Von 1991 bis 2003 war Siebert zudem im Sachverständigenrat aktiv und prägte dessen Gutachten, etwa zur Arbeitsmarktpolitik. In den siebziger und achtziger Jahren hat sich Siebert als Umweltökonom einen Namen gemacht. Als einer der ersten versuchte er, eine effiziente Politik zu entwerfen, die Natur als „knappes Gut“ versteht und Ökonomie und Ökologie vereint. Generationen von Studenten haben aus seinen Lehrbüchern gelernt.

          Bei allem Streben nach ordnungspolitischer Klarheit und bei aller fachlicher Stringenz war Siebert stets ein humorvoller Zeitgenosse. Er blieb immer Optimist, trotz aller Sorgen über die verbreiteten ökonomischen Ignoranz der Politik. Als gebürtiger Rheinländer, geboren 1938 in Neuwied, nahm Siebert das Leben auch von seiner witzigen Seite. Schon rein modisch fiel Siebert mit seinen bunt gemusterten Fliegen aus der Reihe der meist grau gewandeten Ökonomen.

          In seinen Büchern - etwa im Bestseller „Der Cobra-Effekt“ - verstand er es, die potentiell absurden Folgen einer verfehlten Wirtschaftspolitik anschaulich darzustellen: Als die britische Kolonialverwaltung in Indien eine Schlangenplage eindämmen wollte, rief sie eine Prämie für jede abgelieferte erlegte Schlange aus - das aber regte die Inder an, Cobras zu züchten, um Prämien einzustreichen. Siebert verdeutlichte mit solchen Beispiele, dass der Staat mit Steuern, Abgaben Subventionen und der Sozialpolitik finanzielle Anreize setzt, deren Risiken und Nebenwirkungen nicht bedacht werden.

          In Zeiten des Abwrackwahnsinns, der verschwenderischen Konjunkturprogramme und der großen Rettung für alle möglichen und unmöglichen Unternehmen wird die warnende Stimme Horst Sieberts fehlen. Die letzten Jahre nach seiner Emeritierung lehrte er an der Johns Hopkins im italienischen Bologna und genoss dort die mediterrane Kultur und Lebensweise. Bis zuletzt hat er geforscht und publiziert. Sein letztes Buch „Rules for a Global Economy“ - eine Analyse zur Entstehung eines globalen wirtschaftlichen Ordnungsrahmens - erscheint im August bei der Princeton University Press.

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