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Geld bringt weniger : Reichtum war noch nie so nutzlos

Noch immer etwas für Reiche: Ferrari und Gucci in London. Bild: Getty Images

In vielen Ländern entwickeln sich Reich und Arm auseinander. Doch ihr Lebensstandard nähert sich trotzdem an. Von Geld kann man sich nicht mehr so viel kaufen wie früher. Die neuen Klassenunterschiede entstehen durch Bildung.

          6 Min.

          Manchmal passieren wichtige Entwicklungen so langsam, dass man sie kaum bemerkt. Dann muss man weit zurückgucken, um sie zu sehen, vielleicht bis ins alte Rom. Julius Cäsar war zu seiner Zeit der reichste Mann der Welt. Nach Überschlagsrechnungen des Buchautors Detlef Gürtler nannte er ein Vermögen von umgerechnet mehreren hundert Millionen Euro sein Eigen, es war ein Zwanzigstel des jährlichen Welteinkommens. Während der Großteil von Roms Bürgern nicht mal fließend Wasser zu Hause hatte, leistete sich Julius Cäsar eine ganze Privatarmee, die ihm zur Alleinherrschaft im Römischen Reich verhalf. Und wenn er das Volk unterhalten wollte, veranstaltete er schon mal eine Seeschlacht auf einem eigens ausgehobenen See auf dem Marsfeld vor Rom.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der reichste Mann der heutigen Welt heißt Bill Gates, und er hat keine Privatarmee. Sein Wohnhaus ist viel größer als das der anderen, er hat einen Pool und eine Bibliothek mit an die 200 Quadratmetern. Wenn er Unterhaltung will, kann er im hauseigenen Kino einen Film angucken, allein mit seiner Familie oder mit Freunden – aber es sind doch die gleichen Filme, die sowieso für den Rest der Welt produziert sind.

          Über die vergangenen Hunderte von Jahren sind die Lebensstandards der reichen Weltbürger so nah an die der Bevölkerungsmehrheit gerückt wie noch nie zuvor seit der Erfindung von Märkten und Eigentum. Das ist die andere, bisher kaum beachtete Seite der Diskussion über Armut und Reichtum. Zwar wachsen in vielen Ländern der Welt die Einkommen und Vermögen der reichsten Leute viel schneller als die der Mittelschicht. Der französische Ökonom Thomas Piketty hat in einem vielbeachteten und heftig umstrittenen Buch vorgerechnet, dass die Reichen über die Jahrzehnte und Jahrhunderte immer reicher werden. Von ihrem Geld können sich die Reichen aber längst nicht mehr so einen großen Vorsprung an Annehmlichkeiten kaufen wie früher. Und der Abstand zur Mittelschicht schrumpft immer weiter. Möglich machen das die Entwicklung der Technik und das Internet.

          Natürlich erleichtert ein großes Vermögen seinem Besitzer auch heute noch das Leben und nimmt ihm viele Sorgen. Wer mit der eigenen Yacht durchs Mittelmeer segeln kann, der macht anders Urlaub als die Touristenmassen auf dem Aida-Schiff. Und trotzdem schrumpfen die Vorzüge großen Reichtums von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. „Früher waren sie recht massiv“, sagt der Mainzer Soziologe Stefan Hradil. „Doch heute muss man nach handfesten Vorteilen schon suchen.“ Statt des Geldes rückt in den entwickelten Ländern ein anderer Unterschied zwischen den Schichten ins Zentrum: die Bildung.

          Die Technik bringt Arm und Reich näher zueinander

          Wie sehr sich die Schichten materiell annähern, das wird fast wöchentlich im Fernsehen deutlich. Und zwar dann, wenn Angela Merkel im Bundestag sitzt und auf ihrem Handy tippt. Einst mussten die Begüterten und Mächtigen ihren Reichtum nutzen und viel Geld ausgeben, um ihre Nachrichten mit berittenen Boten oder eigenen Telegrafenstationen schnell um die Welt zu bringen, Heute kommunizieren Bundeskanzlerin und Milliardäre nicht anders als 16 Jahre alte Teenager aus der Unterschicht: per Kurznachricht auf dem Handy. Daran ändert weder ein Milliardenvermögen noch ein kompletter Staatsapparat etwas, in vielen Fällen ist das Mobiltelefon heute das beste Kommunikationswerkzeug.

          Es ist die Technik, die Arm und Reich heute näher zueinander bringt. Viel Geld zu haben bedeutet ja vor allem, dass man sich Annehmlichkeiten leisten kann, die für andere Menschen noch unerschwinglich sind. Doch je schneller der technische Fortschritt voranschreitet, desto schneller ist der Vorsprung der Reichen auch wieder überholt– gleichgültig ob es um Wissen oder Transport geht, um die Gesundheit oder um simple Annehmlichkeiten. Tatsächlich breiten sich neue Techniken von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer schneller aus.

          Glasfenster hatten die Reichen noch mehrere Jahrhunderte lang für sich allein: den Luxus, Licht und Sicht ins Haus zu bekommen, ohne dass die Zimmer kalt und zugig werden. Im späten zwölften Jahrhundert wurden Glasscheiben gelegentlich als besonderer Luxus in Privathäusern eingebaut. Doch große Teile der Bevölkerung verschlossen ihre Fenster noch mit Tierhäuten oder Leinwänden, das brachte ihnen zwar etwas Wärme, kostete sie aber auch Licht. Bis das Glas in der breiten Bevölkerung ankam, dauerte es mehrere hundert Jahre, wie der Mainzer Historiker Stefan Grathoff weiß. In all dieser Zeit hatten die Reichen den Armen die Glasfenster voraus. Doch so ein weiter Vorsprung blieb den Reichen nicht lange.

          „Die Massenverbreitung neuer Techniken wird immer schneller, weil sich Technologien schneller entwickeln und verbessern lassen“, sagt die Historikerin Eva Gajek an der Universität Gießen. Dieser Trend ist derzeit aktueller denn je. Bis heute schrumpfen die Verbreitungszeiten neu erfundener Produkte dramatisch. Wie dramatisch, das weiß die amerikanische Verbraucherbehörde FCC. Sie untersucht regelmäßig die Lebensstandards der amerikanischen Bundesbürger. Ihre Daten zeigen: Als vom Jahr 1873 an die Elektrizität in den Vereinigten Staaten eingeführt wurde, dauerte es 46 Jahre, bis wenigstens ein Viertel der Bürger einen Stromanschluss hatte. Das Radio brauchte später nur noch 31 Jahre, das Fernsehen 26 Jahre. Für das Handy hatte sich die Zeit schon auf 13 Jahre halbiert, und das World Wide Web brauchte nur noch sieben Jahre, bis es das erste Viertel der Amerikaner erreicht hatte.

          Der Trend gilt nicht nur für Kommunikationstechnik. Mikrowellen, Wäschetrockner und automatische Staubsauger erleichtern das Leben gerade für die Leute, die keine eigenen Bediensteten haben. In der Industrie sorgen neue Maschinen und Produktionsverfahren dafür, dass einst teure Güter erschwinglich werden. Bessere Transportmöglichkeiten liefern immer mehr Früchte in den Supermarkt, die früher nur die Reichen auf aufwendigen Auslandsreisen kosten konnten.

          „Früher hat man sich als Reicher ein Auto gekauft und schon so den Unterschied zu anderen gezeigt“, sagt Historikerin Eva Gajek. Heute sind Autos weit verbreitet. Reiche nutzen den 7er-BMW, die S-Klasse von Mercedes oder den Ferrari, um sich von anderen abzusetzen – doch ihre Ausstattung wird inzwischen immer schneller nachgebaut und kommt in wenigen Jahren im Fiat 500 an. Elektronisches Stabilitätsprogramm? Antischlupfregelung? Sieben Airbags? Steckt alles drin. In den nächsten Jahren könnte das selbstfahrende Auto auch Leute aus der Mittelschicht mit einem Komfort durch die Gegend fahren, für den man heute noch einen Chauffeur braucht.

          In der Medizin geht es teils genauso. Nur zwölf Jahre nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms bot in den Vereinigten Staaten ein Unternehmen jedem Menschen einen Gentest für 99 Dollar an. Derzeit macht sich auch Google auf, mittels Datenanalyse den Tod hinauszuschieben. Wie teuer das wird, weiß noch keiner. Aber klar ist: Wo die Technik allein nicht hilft, helfen Organisationen. In Gesundheitsfragen sorgen im Zweifel Krankenversicherungen dafür, dass lebensrettende Medizin für jeden erschwinglich ist – zumindest in Staaten wie Deutschland (Nur in den Vereinigten Staaten geht die Lebenserwartung ärmerer Leute derzeit zurück).

          Das Internet ist noch egalitärer

          Gerade die neuen Entwicklungen sind oft sogar so egalitär, dass sie quasi jeder gleichzeitig nutzen kann. Wer sich seine Musik aus dem Internet über Simfy und Spotify liefern lässt, bekommt für zehn Euro im Monat eine Musiksammlung, wie sie früher kein professioneller DJ hatte. Atlanten, Enzyklopädien, ganze Bibliotheken – sie stehen vollständig im Internet. Mag auch manche Internetseite ihre Nutzer analysieren, um ihnen Werbung zu zeigen: Für den Nutzer sind Google und Facebook ebenso kostenlos wie Wikipedia. Das ist unangenehm für alle Leute, die in dieser Kostenlos-Welt um ihren Verdienst bangen – und gut für die Armen, die das Geld nicht mehr ausgeben müssen.

          In den herkömmlichen Statistiken über die Schere zwischen Arm und Reich taucht all dieser Nutzen nicht auf. Was kein Geld kostet, können die Ökonomen schließlich nicht mal ordentlich in ihr Bruttoinlandsprodukt hineinrechnen. Dieses Phänomen hat der Ökonom Tyler Cowen an der George Mason University in Washington in seinem Buch „The Great Stagnation“ beschrieben. Jetzt sagt er: „Die meisten Wohltaten der modernen Welt kommen der Mittelschicht zugute.“ Jetzt kommt der Trend zum Höhepunkt, dass neue Technologien für viele Leute immer leichter zugänglich werden. „Der Computer ist die Fortsetzung dessen, wie frühere Techniken angefangen haben, den wirtschaftlichen Unterschied zwischen den Schichten einzuebnen“, sagt Soziologe Stefan Hradil.

          Jetzt trennt die Bildung Unterschicht und Oberschicht

          Doch es bleiben Unterschiede zwischen Oberschicht und Unterschicht, wie Soziologe Hradil betont. Während das Geld an Bedeutung verliert, werden Bildung und Lebensstil zum trennenden Element: „Es kommt heute nicht mehr so sehr darauf an, ob man den Zugang zum Internet hat, sondern, was man damit macht.“ Gucken die Internetprofiteure online eine kostenlose Harvard-Vorlesung an, oder daddeln sie mit neuen Spielen herum? Darin sieht Hradil die eigentliche Gefahr: Mittel- und Oberschicht rückten dank ihrer guten Bildung näher zusammen, während die Unterschicht immer weiter abgehängt werde. Tatsächlich sind viele Unterschiede zwischen Reichen und Armen bei genauerer Betrachtung inzwischen weniger Fragen des Geldes, sondern mehr Fragen der Bildung und des Lebensstils – ob es um den Gesundheitszustand oder um die Bildungschancen der Kinder geht.

          Und was machen die Reichen heute mit ihrem Geld, das sie nicht mehr so dringend zur Verbesserung ihrer Lebensumstände brauchen? Manche stecken es in Luxusmarken, mit denen sie sich wohler fühlen. Deren Umsätze wachsen seit Jahrzehnten. Und sie geben das Geld für ihre Kinder aus. Am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sieht Gert Wagner einen neuen Trend zu Privatschulen. Auch Auslandsaufenthalte finanzierten die Reichen ihren Kindern. „Am Ende geht es darum, den Kindern bessere Startbedingungen zu verschaffen.“

          Die Frage ist, was sie sich später einmal davon kaufen können.

          Das Auto auf dem Bild hatten wir anfangs nach den Angaben der Bildagentur als Lamborghini bezeichnet. Es ist aber ein Ferrari. Vielen Dank für die Hinweise an die Auto-Kenner!

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