https://www.faz.net/-gqe-xu32

Inflation oder Deflation : Geld aus dem Hubschrauber

Inflation ist letztlich immer Ergebnis einer übermäßigen Ausweitung der Geldmenge Bild: dpa

Die amerikanische Notenbank hat die Leitzinsen schon nahezu auf null Prozent gesenkt und vergibt praktisch gratis Kredit. Ökonomen vergleichen dies mit einem Geldabwurf vom Helikopter. Fed-Chef Ben Bernanke (Spitzname: „Helikopter-Ben“) riskiert auf lange Sicht Inflation.

          3 Min.

          Gestern Inflation, heute Deflation - wie schnell die Sorgen sich drehen. Zwar verzerrt der drastisch gefallene Ölpreis die Statistik der Verbraucherpreise, doch an den Märkten befürchten viele ein allgemein sinkendes Preisniveau. Ben Bernanke, der Vorsitzende der amerikanischen Notenbank Fed, greift im Kampf gegen das Deflationsgespenst zu ungewöhnlichen Mitteln. Die Fed hat die Leitzinsen nahezu auf null Prozent gesenkt und vergibt praktisch gratis Kredit. Ökonomen vergleichen dies mit einem Geldabwurf vom Helikopter (das suggestive Sprachbild hat Bernanke von Milton Friedman übernommen, seitdem hat er den Spitznamen "Helikopter-Ben"). Indem er frisches Geld über die Wirtschaft und besonders in die Banken regnen lässt, will er eine Kreditklemme verhindern, die in eine rezessive Abwärtsspirale führen könnte.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          So hat es Bernanke schon vor sechs Jahren in einer berühmten Rede angekündigt. Damals fürchtete er ebenfalls eine Deflation, versicherte aber, man könne mit der Notenpresse wirkungsvoll gegensteuern. In der Finanzwelt bewundern viele Bernankes entschlossenes Handeln. Es gibt aber auch Skeptiker, etwa Martin Wolf von der "Financial Times", der zu den angesehensten Finanzjournalisten zählt. Es sei doch ein Kinderspiel, gegen eine Deflation anzugehen. Die Zentralbank könne praktisch unbegrenzt Geld schaffen, um damit auch das Staatsdefizit zu finanzieren. Das ist ein riskantes Spiel, denn die Erwartungen könnten dann von Deflation plötzlich wieder zur Inflation umschlagen.

          Der Blick in die Geschichte

          Inflation (vom lateinischen "inflare": aufblähen) ist letztlich immer Ergebnis einer übermäßigen Ausweitung der Geldmenge. Das zeigt der Blick in die Geschichte. Eine systematische historische Darstellung mit einer scharfen Analyse dazu hat der Ökonom Peter Bernholz von der Universität Basel verfasst. Dutzende Inflationen, darunter 29 Hyperinflationen, hat er untersucht. Auffällig ist, dass es erst nach 1914, nach dem Ende des Goldstandards, zu Hyperinflationen kam. Davor gab es nur einen einzigen Fall, in Frankreich nach der Revolution, als die Kriegskosten 1796 zunehmend mit ungedeckten Geldnoten (den sogenannten Assignaten) finanziert wurden.

          Hier werden die wichtigsten geldpolitischen Entscheidungen gefällt: die Fed in Washington

          Die Zeit der ganz großen Währungskatastrophen kam im zwanzigsten Jahrhundert. In Deutschland erreichte die Hyperinflation im November 1923 eine Monatsrate von fast 30.000 Prozent. In dieser verzweifelten Situation entschloss sich die Regierung zur Währungsreform. Entscheidend war aber nicht, dass von der Papiermark zwölf Nullen gestrichen wurden, sondern dass das rasende Geldmengenwachstum gestoppt wurde.

          Inflation war wichtiger Grund für Niedergang des Römischen Reichs

          Inflationen gab es auch in Zeiten mit Gold- oder Silberwährungen, schon in der Antike. Die spätrömischen Kaiser begannen damit, billiges Kupfer den silbernen Denaren beizumischen. Daraus folgte Inflation, die im frühen vierten Jahrhundert bis auf 40 Prozent im Jahr stieg. Die von Diokletian erlassenen Preiskontrollgesetze, die sogar mit der Todesstrafe drohten, waren gescheitert, da sie nur die Symptome bekämpften. Wirtschaftshistoriker sehen in der Inflation einen wichtigen Grund für den Niedergang des Römischen Reichs.

          Im sechzehnten Jahrhundert sprach man in Spanien von einer "großen Preisrevolution", nachdem aus Südamerika große Mengen Gold und vor allem Silber eingeführt wurden. Allerdings war die Inflation nach heutigen Maßstäben moderat, sie betrug in Kastilien durchschnittlich 1,2 Prozent, in Andalusien etwa 1,9 Prozent. Schlimmer aber wurde es, als die überschuldeten spanischen Habsburger den Silbergehalt der Vellón-Münzen immer mehr verringerten. Die Münzverschlechterung brachte ihnen faktisch eine Inflationssteuer.

          These: Alle starken Inflationen wurden vom Staat gemacht

          Wie viel leichter geht das mit Papiergeld, das um das Jahr 1000 in China erfunden wurde. In der Ming-Zeit kam es zu einer sich beschleunigenden inflationären Krise, schließlich kehrten die Chinesen zu Metallgeld zurück. So endeten auch frühe amerikanische Experimente mit Papiergeld, etwa im Unabhängigkeitskrieg, als die Inflation 1779 kurzzeitig auf bis zu 50 Prozent schoss, oder während des Bürgerkriegs 1861 bis 1865, zu dessen Finanzierung die Nordstaaten erstmals einen "Greenback"Dollar ausgaben. Seit 1913 nun besitzt die Fed, die vom Staat weitgehend unabhängig, aber im Besitz der amerikanischen Geschäftsbanken ist, das Monopol der Geldpolitik der Vereinigten Staaten. Seit dem Ende des Bretton-Woods-Systems 1971 ist die letzte Goldanbindung gefallen.

          Ein zentrales Ergebnis von Bernholz' Studie lautet: Alle starken Inflationen wurden vom Staat gemacht. Auch demokratische Regierungen neigen dazu, ihre Wahlgeschenke oder Krisenprogramme durch Geldschöpfung zu finanzieren, sofern sie eine willfährige Zentralbank finden. Wenn der Schuldenberg eine problematische Höhe erreicht, wird die Versuchung für den Staat groß, sich über Inflation zu entschulden.

          Wird die Fed die massenhaft in das System gepumpte Liquidität rechtzeitig wieder absaugen? Oder wird sie dem Druck erliegen, der von vielen Seiten, von der Regierung, den Banken und anderen Interessengruppen, auf sie ausgeübt wird? Aktuell ist sie ganz mit Deflationsabwehr beschäftigt, doch Martin Wolf erinnert dies an die Vorgeschichte der Finanzkrise: "Ironischerweise sind wir heute da, wo wir sind, zum Teil deshalb, weil die Fed vor sechs Jahren so entsetzliche Angst vor Deflation hatte." Damals betrieb sie eine extrem lockere Geldpolitik, die zur Kredit- und Immobilienpreisblase führte, deren Platzen die jetzige Rezession ausgelöst hat. Das Ergebnis der aktuellen drastischen Maßnahmen, vermutet Wolf, werde "letztlich unerwartet hohe Inflation sein, wenn auch wahrscheinlich erst viele Jahre später".

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.