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Indien gegen China : Es ist die Demographie, Dummkopf!

  • -Aktualisiert am

Bild: Peter von Tresckow / F.A.Z.

China hat Indien wirtschaftlich abgehängt. Für die nächsten zwei Jahrzehnte wird Indien kaum aufholen können. Doch dann könnte seine Stunde schlagen. Denn China altert und hat wenig Nachwuchs.

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          Kann Indien China in absehbarer Zeit einholen? Wer beide Länder aus eigener Anschauung kennt, wird diese Frage mit einem „nein“ beantworten. Indiens Eisenbahnen fahren quälend langsam. Sie sind im Gegensatz zu Chinas Zügen auch nicht pünktlich. In China fahren auf manchen Strecken schon heute schnellere Züge als in Deutschland. Ähnlich ist es auf den Straßen. Indiens Autobahnen sind meist in der Planung, in China rollt darauf der Verkehr. Was die Infrastruktur angeht, trennen beide Länder Welten.

          Betrachtet man die Wirtschaftsentwicklung seit den achtziger Jahren, ergibt sich das gleiche Bild. China ist in diesen drei Jahrzehnten durchweg schneller gewachsen als Indien. Während den Chinesen ungefähr eine Verachtfachung der Pro-Kopf-Einkommen gelungen ist, gab es in Indien kaum mehr als eine Verdoppelung. Indien stellt höchstens 10 Millionen Arbeitsplätze in exportorientierten Industrien zur Verfügung, in China sind es ungefähr 100 Millionen mehr.

          Gegen einen Vergleich beider Länder in diesen vergangenen drei Jahrzehnten kann man berechtigte Einwände erheben. In China wird dabei die Reformperiode nach Mao erfasst. In Indien haben die marktwirtschaftlichen Reformen erst Anfang der neunziger Jahre begonnen. Also: Indien ist ein Nachzügler. Gewichtiger ist der zweite Einwand: Während China schon lange jährliche Wachstumsraten in der Nähe von 10 Prozent im Jahr verbucht, steigt das Wachstumstempo in Indien und nähert sich inzwischen der chinesischen Rate.

          Bild: F.A.Z.

          Indiens Staat hat kein Geld

          Ist das schon der Vorbote des Einholens? Vermutlich noch nicht. Um viele Jahre mit chinesischen Wachstumsraten zu glänzen, müsste Indien die Defizite seiner Infrastruktur schnell reduzieren. Dafür hat Indiens Staat kein Geld. Sowohl der Zentralstaat als auch die Provinzen neigen zu Haushaltsdefiziten und zur Verschuldung. Gesamtdefizite von annähernd 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes sind nicht ungewöhnlich - ohne dass dabei stark in die Infrastruktur investiert wurde. Verglichen damit ist Chinas Staatshaushalt solide aufgestellt. Im Prinzip wäre zwar die Finanzierung von Infrastrukturinvestitionen durch Auslandskapital denkbar, aber dafür müsste sich in Politik und Bürokratie Indiens noch viel ändern - und zwar schnell.

          Auch bei der politischen Stabilität, vor allem aus Sicht von Investoren, ist China im Vorteil. China und Indien leiden unter unruhigen Randgebieten mit unzufriedenen Minderheiten: Tibet und Sinkiang im Westen Chinas, Kaschmir im Norden und Assam und einige kleinere Stammesgebiete im Nordosten Indiens. Die genannten Gebiete sind in China nach Fläche und Bevölkerung größer als in Indien, aber die unruhigen Minderheiten an der Peripherie sind aus volkswirtschaftlicher Sicht Randprobleme. Nur in Indien gibt es aber den Aufstand der Naxaliten oder Maoisten, die immer wieder sogar Polizeistationen und Züge überfallen. Ein riesiges Gebiet von der nepalesischen Grenze bis in die Mitte Südindiens ist von diesen Unruhen betroffen. In den vergangenen Jahren ist es den indischen Sicherheitskräften nicht gelungen, wenigstens die Ausbreitung der Unruhen zu verhindern.

          Rechtssystem, Demokratie, englische Sprache und Demographie

          Auf der Suche nach potentiellen Vorteilen Indiens gegenüber China kommen vier Faktoren in Frage: das Erbe des britischen Rechtssystems, die Demokratie, die englische Sprache und die günstigere demographische Entwicklung.

          Gesicherte Eigentumsrechte und unabhängige Gerichte, kurz Rechtsstaatlichkeit, gelten als institutionelle Voraussetzungen für eine gute wirtschaftliche Entwicklung. Grundsätzlich hat Indien da gegenüber China einen Vorteil, aber eben nur grundsätzlich. In beiden asiatischen Gesellschaften gibt es massive Korruptionsprobleme. Indiens Gerichte sind oft so langsam bei ihren Entscheidungen, dass das in Rechtsverweigerung übergeht. Politischer Einfluss scheint nicht nur in China, sondern auch in Indien „Rechtsschutz“ - im Sinne eines Schutzes vor dem Recht - zu gewähren. So ist selbst die freie Presse in Indien nur ein potentieller Vorteil. Machtmissbrauch kann in Indien zwar freier als in China öffentlich diskutiert werden. Bisher sind Politik und Verwaltung in Indien dadurch aber noch nicht sauberer geworden.

          Die Demokratie sollte man weder für einen Wachstumsmotor noch für eine Bremse halten. Ökonometrische Studien zeigen keine robusten Unterschiede zwischen Demokratien und Autokratien in puncto Wachstumsgeschwindigkeit. Aber vielleicht liegt der Unterschied zwischen den Wachstumsaussichten von Demokratien und Autokratien gar nicht im Mittelwert, sondern in der Varianz: Während Demokratien dazu neigen, mit mäßiger Geschwindigkeit annähernd so stark wie die Weltwirtschaft zu wachsen, können Autokratien das Mittelmaß weit unterbieten und weit überbieten. Das zeigt auch die Wirtschaftsgeschichte der Volksrepublik China. Unter Mao Tse-tung wuchs Chinas Volkswirtschaft langsamer als die Weltwirtschaft. Nach dem sogenannten „großen Sprung nach vorn“, der den Übergang von übersichtlichen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zu riesigen Volkskommunen oft mit ländlichen Hochöfen zur forcierten Industrialisierung brachte, verhungerten nach der älteren Forschung mehr als 30 Millionen, nach der neueren sogar mehr als 40 Millionen Chinesen.

          Unter der Führung Deng Xiaopings und seiner Nachfolger erlebt China seit 1979 ein Wirtschaftswunder. Bei einer Autokratie hängt alles von der Qualität der Führung ab. Unter Mao erlebten die Chinesen eine furchtbare Zeit, seit Deng haben sie Regierungen, die mehr Glück in der Wirtschaftspolitik haben. Aber wie lange wird die „Glückssträhne“ Chinas mit einer ökonomisch qualifizierten statt einer für Utopien anfälligen Führung noch anhalten?

          Nicht mehr jeder Taxifahrer in Bombay kann Englisch

          Was die Kenntnisse der globalen Wirtschafts- und Wissenschaftssprache Englisch angeht, hat die ehemals britische Kolonie sicher einen Vorteil gegenüber China. Indiens Eliten sprechen gut Englisch. In China dagegen trifft man immer wieder sogar Professoren der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, deren Englischkenntnisse mit „bescheiden“ noch höflich umschrieben sind. Aber das galt und gilt auch für Japan. Es hat das japanische Wirtschaftswunder, das allerdings seit den neunziger Jahren zu Ende ist, nicht verhindert. Außerdem kann man in den breiten Bevölkerungsschichten Indiens eine Verschlechterung der Englischkenntnisse beobachten. Dass Taxifahrer in indischen Großstädten kein Englisch sprachen, kam in den sechziger Jahren nicht vor. Jetzt kann einem das passieren.

          Wenn Indien einen Trumpf hat, dann ist es seine junge und wachsende Bevölkerung. In China altert die Bevölkerung schnell. Zwar hat die Ein-Kind-Politik nicht dazu geführt, dass tatsächlich jede Frau nicht mehr als ein Kind bekommt, aber die chinesische Fertilitätsrate dürfte in der Nähe der deutschen, also bei etwa 1,3 Kinder je Frau sein. Man kann in der Ein-Kind-Politik den letzten bitteren „Erfolg“ der Planwirtschaft sehen. Merkwürdigerweise rückt die chinesische KP-Regierung immer noch nicht davon ab, obwohl China schon in zwei Jahrzehnten eine ältere Bevölkerung als die Welt im Ganzen haben wird. Chinas Bevölkerung wird grau, bevor sie reich sein kann wie das alternde Europa oder Japan. Verschärft wird das Alterungsproblem durch einen Frauenmangel. Ungefähr 80 Millionen chinesische Männer werden keine Frau für eine Familiengründung finden.

          Für die nächsten zwei Jahrzehnte hat Indien keine Chance

          Zwar gibt es auch in Indien ein unausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen, aber nicht ganz so schlimm. Außerdem wird Indien so schnell nicht ergrauen. Wenn man etwas genauer hinguckt, dann sieht Indiens demographisches Profil nicht mehr so gut aus. Je wirtschaftlich erfolgreicher eine Region oder Provinz ist, desto niedriger sind die Geburtenraten. Vor allem dort werden die Kinder geboren, wo die meisten Eltern arm sind, die Analphabetenquote hoch und die staatlichen Schulen schlecht. Das Schulschwänzen ist bei Indiens Lehrern so weit verbreitet, dass selbst arme Inder ihre Kinder oft auf Privatschulen schicken. Unter dem Aspekt der Humankapitalbildung haben in Indien oft die falschen Eltern viele Kinder. Die öffentlichen Schulen sind von bescheidener Qualität. Deshalb ist Indien im Gegensatz zu China noch weit von einer vollständigen Alphabetisierung entfernt.

          Bei keinem von Indiens Trümpfen kann man sicher sein, dass er dazu beitragen wird, China in absehbarer Zeit einzuholen. Man kann allerdings darauf verweisen, dass es in China und Indien Wirtschaftswunder auch in dem Sinne gibt, dass die Determinanten des stürmischen Wirtschaftswachstums dort noch nicht ganz verstanden werden. Die Eigentumsrechte in China sind so unsicher, dass das andauernd hohe Wachstumstempo schon erstaunlich ist. Vielleicht zwingt der Wettbewerb um Investoren chinesische Lokal- und Provinzregierungen dazu, so zu handeln, als ob sie das Privateigentum an Produktionskapital respektieren möchten. Aber ist damit der Widerspruch zwischen Chinas Wachstum und seinen unsicheren Eigentumsrechten ganz erklärt? In Indien ist es schon erstaunlich, dass ein chronisch defizitärer Staat, eine unterentwickelte Infrastruktur und ein immer noch überreglementierter Arbeitsmarkt mit hohen und in den letzten Jahren steigenden Wachstumsraten kompatibel sind. Das erinnert an die Grenzen unseres Wissens über die Determinanten des Wachstums. Für die nächsten zwei Jahrzehnte gibt es für Indien keine Chance, Chinas Vorsprung auch nur spürbar zu verringern. Die Stunde Indiens schlägt erst dann, wenn China alt aussehen wird.

          China oder Indien?

          Im 21. Jahrhundert wird der Wettkampf um den Rang der größten Wirtschaftsmacht zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Ländern China und Indien ausgetragen. Seit den Reformen, die auf Maos Tod 1976 folgten, hat Chinas zuvor gelähmte Wirtschaft zunehmend Tempo aufgenommen. 1980 verdiente ein Chinese im Durchschnitt nur etwas mehr als halb so viel wie ein Inder. Beide Länder waren bitterarm. Heute hat China den indischen Konkurrenten weit hinter sich gelassen: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen ist nach Daten des IWF auf mehr als 7500 Dollar gestiegen, mehr als doppelt so viel wie das indische Durchschnittseinkommen von etwa 3340 Dollar. In etwa einem halben Jahrzehnt könnte Chinas Anteil am Weltsozialprodukt auf 18 Prozent steigen und den der Vereinigten Staaten übertreffen. Indien kommt nur auf gut 6 Prozent der Weltproduktion. Allerdings verschieben sich die Bevölkerungsgewichte: Lebten 1980 knapp 1 Milliarde Menschen in China, ist das Bevölkerungswachstum bei 1,3 Milliarden nun fast zum Stillstand gekommen. Indiens Bevölkerungszahl wächst hingegen weiter: 1980 lag sie bei 700 Millionen, heute sind es schon mehr als 1,2 Milliarden. Ende des Jahrzehnts wird es vermutlich mehr Inder als Chinesen auf der Erde geben. Das demographische Wachstum ist das Hauptargument jener Ökonomen, die Indien langfristig bessere Chancen geben als China. „Viele Jahre war China in der Lage, eine Reservearmee von Arbeitslosen à la Karl Marx einzusetzen, um rasches Wachstum zu erreichen“, sagt der Princeton-Ökonom Jagdish Bhagwati, „aber nun werden die Arbeitskräfte knapp und die Löhne steigen, wogegen Indien über ein viel reichlicheres Angebot an Arbeitskräften verfügt.“ Für größeren wirtschaftlichen Erfolg bräuchte Indien allerdings Reformen, sagt Bhagwati: Privatisierung ineffizienter Staatsbetriebe und eine generelle Liberalisierung. (ppl.)

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