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Im Porträt: Raghuram Rajan : Der neue Chicago-Boy

Raghuram Rajan ist 1963 in Indien geboren. Als Diplomatenkind lernte er früh die Welt kennen. Bild: Verena Müller

Der Ökonom Rajan will den Kapitalismus vor den Kapitalisten retten. Die Finanzkrise hat er so gut verstanden wie kaum ein anderer. Jetzt ist er überall gefragt.

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          Im Jahre 2005 versammelten sich die wichtigsten Notenbanker der Welt in den Bergen des amerikanischen Bundesstaates Wyoming. Dort treffen sie sich zwar jedes Jahr, aber 2005 war das letzte Amtsjahr von Alan Greenspan, dem Chef der amerikanischen Notenbank - und alle hatten sich darauf eingerichtet, dem Großmeister zu huldigen. Das stand schon im Titel, die Veranstaltung hieß „Die Ära Greenspan: Lektionen für die Zukunft“.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch einer fiel aus der Rolle. „Hat die Entwicklung der Finanzmärkte die Welt unsicherer gemacht?“, fragte er am Morgen des dritten Tages. Um Greenspan am Ende seines Vortrags ins Gesicht zu sagen: Ja, die Welt ist unsicher. „Der Geldfluss zwischen den Banken könnte stoppen, und es könnte eine ausgewachsene Finanzkrise geben.“ Raghuram Rajan war damals Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds. Doch mit seinem Vortrag stellte er sich auf dieser Tagung ins Abseits.

          Rajan schert sich nicht um das alte Rechts-Links-Schemata

          Inzwischen hören die Herren des Finanzmarkts aber auf ihn. Wenn der neue Bundespräsident fordert, die Finanzmärkte bräuchten endlich gute Regeln - dann ist es der 47-jährige Inder, der sich diese Regeln ausdenkt. In der Öffentlichkeit ist der zwar kaum bekannt. Dafür hat sein Wort inzwischen bei den Experten rund um die Welt Gewicht. Zum Beispiel in Deutschland: Vergangene Woche erst luden ihn die Professoren Otmar Issing und Jan Pieter Krahnen zur Vorlesung nach Frankfurt - sie denken für die Bundesregierung über die Bankenregulierung nach. Und die „Wirtschaftsweise“ Beatrice Weder di Mauro zählt ein Rajan-Werk zu ihren Lieblingsbüchern.

          Denn Rajan schert sich nicht um alte Rechts-Links-Schemata, nicht um Keynesianismus gegen Neoklassik oder Monetarismus. Er hat eine der originellsten und vollständigsten Erklärungen der Finanzkrise, für die er Armut, Politikversagen und Manager-Untaten gleichermaßen verantwortlich macht. Auf solche Ideen kommt er, weil er seinen eigenen Blick auf die Welt der Märkte entwickelt, und dies ist ein indischer Blick. Inzwischen lehrt Rajan zwar in Chicago. Aber seine Jugend hat er in Indien verbracht. Dort hat er ganz anschaulich erlebt, wie Märkte funktionieren. Und was passiert, wenn sie sich nicht entfalten dürfen - so wie im Indien der 70er und 80er Jahre.

          Wenn das nach Trabi klingt, dann ist das Rajan zufolge kein Zufall

          Einst hielten es die Inder für geboten, ihre Firmen vor heftiger Konkurrenz aus dem Ausland zu schützen. Zum Beispiel die Autofirmen. Prompt mussten die Inder jahrzehntelang mit den Autos der Firma „Ambassador“ leben. In vierzig Jahren gab es nur fünf unterschiedliche Modelle, „und die schienen sich hauptsächlich durch die Frontlichter und die Form des Kühlergrills zu unterscheiden“. Wenn das nach Trabi klingt, dann ist das Rajan zufolge kein Zufall: „In Indien war vieles wie in den sozialistischen Staaten Europas.“ Es brauche einfach einen Markt, der Innovationen fördert und den großen Firmen das Leben unbequem zu macht. In der indischen Softwarebranche habe das funktioniert. Denn für die habe sich die Regierung anfangs nicht interessiert und die Firmen einfach in Ruhe gelassen.

          Doch die Geschichte von den Autos zeigt auch, dass die Märkte einen wichtigen Gegner haben: die Wirtschaft, also die Firmen, denen der Markt das Leben unbequem macht. Auch der Automarkt in Indien wurde hauptsächlich mit einem Ziel abgeschottet: die indische Firma zu schützen. Rajan hat auch das verinnerlicht - und er kennt auch dazu eine Geschichte aus Indien. Es ist die Geschichte der Diamantenhändler aus Gujarat. Die arbeiten seit 50 Jahren in einer kleinen Gemeinschaft eng zusammen und sind auf diese Weise zur größten Händlergemeinschaft der Welt geworden. Sie setzten sich ihre Regeln selbst, und bald waren die Geschäfte in Gujarat so intransparent, dass kaum noch Händler von außen mitmachen konnten, und das System wurde starr. Die Händler hätten ja auch keinen Anreiz gehabt, ihr Geschäft für neue Konkurrenten zu öffnen.

          Dass Märkte überhaupt Regeln brauchen, war in Chicago lange ein verpönter Satz

          Aus all dem zieht Rajan den Schluss: Der Kapitalismus ist schon gut, aber man muss ihn vor den Kapitalisten schützen. So heißt auch sein grundlegendes Buch, das er zusammen mit seinem Kollegen und Freund Luigi Zingales geschrieben hat: „Saving Capitalism from the Capitalists“.

          Dass Märkte überhaupt Regeln brauchen, das war an Rajans Universität lange ein verpönter Satz. Denn er lehrt in Chicago, der Universität des Liberalen Milton Friedman und von Eugene Fama. Er stellte als Erster die These auf, dass Märkte effizient sind. Zu deren großer Zeit hätte also kein Chicago-Ökonom gewagt, Märkte als nicht perfekt zu bezeichnen.

          In seinen Augen ergibt sich ein Bild über die tieferen Ursachen der Finanzkrise

          Doch Rajan ist eine Generation jünger, und er hat am staatsfreundlicheren Massachusetts Institute of Technology (MIT) promoviert, bevor er nach Chicago kam. „Keynes gegen Friedman - das ist der Streit von früher“, sagt er. „Inzwischen wissen wir, dass der Markt ganz in Ordnung ist und dass man sich auch um die Probleme kümmern kann.“

          So ergibt sich vor Rajans Auge ein Bild über die tieferen Ursachen der Finanzkrise, das in dieser Form kaum ein anderer zeichnen würde. Natürlich gibt es Gier, aber die gibt es immer - damit lässt sich keine Finanzkrise erklären. Natürlich hat der eine oder andere Manager das Gesetz gebrochen und wird dafür bestraft. Und natürlich haben die Banken schlechte Kredite verpackt und weitergegeben. Den eigentlichen Grund aber erkennt man, wenn man fragt: Warum haben so viele Leute Kredite bekommen, die sie sich nicht leisten konnten? Und da landet er bei der Politik. Die Regierungen Bush und Clinton hätten dem Land das Ziel gesetzt, möglichst viele Menschen zu einem eigenen Haus zu bringen, und das noch gefördert - und zwar gerade für die Armen, die hinterher ihre Kredite nicht zurückzahlten.

          Die Löhne waren in Amerika vor der Krise so ungleich verteilt wie zuvor nur 1929

          Der klassische Liberale würde an dieser Stelle mit dem Erklären aufhören. Rajan allerdings tut das nicht. Er erinnert sich einmal mehr an Indien: Dort leihen die Banken in armen Regionen besonders viel Geld aus, wenn gerade Wahljahr ist. „Populismus und Kredit gehören oft zusammen“, folgert Rajan - und hat damit auch eine Erklärung dafür, dass die amerikanischen Politiker so viele Kredite propagierten. Die Löhne waren in Amerika vor der Krise so ungleich verteilt wie zuvor nur im Jahr 1929, vor der Weltwirtschaftskrise. Die Präsidenten fanden - bewusst oder unbewusst - den richtigen Weg, die abgehängten Armen zufrieden zu halten. Sie ermöglichten ihnen, sich trotzdem reicher zu fühlen. Nur eben auf Kredit.

          Wer eine derartige Erklärung für die amerikanische Kreditblase hat, der hat auch originelle Ideen für die Zukunft. Rajan will sich nicht ausschließlich auf den Staat verlassen, also auf eine stärkere Regulierung. „Ironischerweise ist der Glaube an eine strenge Regulierung am stärksten, wenn der Wirtschaftszyklus am Boden ist und der Markt kaum reguliert werden muss.“ So wie jetzt. „Im Gegensatz dazu ist der andere Irrtum, dass sich Märkte selbst regieren können, auf dem Höhepunkt des Zyklus am verbreitetsten - genau dann, wenn dem System die größte Gefahr droht.“

          Der Kapitalismus kann selbst mithelfen, Krisen zu verhindern

          Auch die Regulierer selbst sieht er als Teil des Zyklus. „Sie sind Menschen wie alle anderen, morgens und abends sind sie in der gleichen Welt wie die anderen Leute“, sagt er. „Wenn alle Leute steigende Kurse sehen und wieder denken, dass dieses Mal alles anders ist und der Aufschwung immer weitergeht, dann gilt das meistens auch für die Regulierer.“

          Stattdessen glaubt Rajan, dass der Kapitalismus selbst bei der Verhinderung von Krisen mithelfen kann, wenn man nur dem Interesse der Kapitalisten nicht zu sehr nachkommt. Deren Interesse ist klar: Sie wollen nicht, dass Banken pleitegehen. Und sie verlassen sich darauf, dass der Staat dafür sorgt - also geben sie auch gefährdeten Banken immer weiter Kredit.

          Er verlangt ein besseres soziales Netz in den Vereinigten Staaten

          Das muss man abstellen, glaubt Rajan. Man könne sich nicht darauf verlassen, dass sich die Banken beim Schuldenmachen selbst disziplinieren - das müssten schon die Kreditgeber machen. Rajan hat auch einen Mechanismus dafür: Es soll besondere Anleihen geben. Diese Anleihen dürfen nicht von anderen Banken gehalten werden und können deshalb zur Not wertlos werden, ohne dass die Wirtschaft zusammenbricht. Die Logik: Weil diese Anleihen tatsächlich wertlos werden können, wird ihr Preis tatsächlich sinken, wenn die Investoren skeptisch werden. Dann wird deutlich, dass mit der Bank etwas nicht stimmt - während aber die anderen Gläubiger nach wie vor geschützt sein könnten.

          Doch wenn er über dieses Thema spricht, dann denkt er auch wieder an seinen ursprünglichen Grund für die Wirtschaftskrise - an die amerikanische Ungleichheit bei den Einkommen. Und fordert, woran sonst kein Bankenregulierer denken würde. Er verlangt ein besseres soziales Netz in den Vereinigten Staaten.

          Der Mensch

          Raghuram Rajan stammt aus einer indischen Mittelschichtsfamilie. Sein Vater war Diplomat, als Kind wohnte Raghuram deshalb in Indonesien (in den späten 60er Jahren, als nach einem gescheiterten Putsch Unruhen und Massaker das Land bestimmten), in Sri Lanka und in Belgien. Er studierte erst Ingenieurwesen , konzentrierte sich dann aber doch auf die Wirtschaft. Nach der Doktorarbeit am Massachusetts Institute of Technology wechselte er nach Chicago. Dort lehrt er seit 1991, nur von 2003 bis 2006 war er Chefökonom des Internationalen Währungsfonds .

          Die Universität

          Die Universität Chicago gilt als Hochburg des Liberalismus und der freien Märkte . Dort lehrte zum Beispiel der berühmte Monetarist Milton Friedman , außerdem noch mehrere andere Wirtschafts-Nobelpreisträger. Keinen Nobelpreis hat bis dato Eugene Fama bekommen, der Erfinder der Theorie effizienter Märkte . Er galt als Favorit, bis die Finanzkrise kam. In jüngster Zeit setzen sich auch an der Universität Chicago neue, marktskeptischere Stimmen durch - nicht nur die von Raghuram Rajan, sondern auch die des Verhaltensökonomen Richard Thaler .

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