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Im Porträt: Raghuram Rajan : Der neue Chicago-Boy

Der klassische Liberale würde an dieser Stelle mit dem Erklären aufhören. Rajan allerdings tut das nicht. Er erinnert sich einmal mehr an Indien: Dort leihen die Banken in armen Regionen besonders viel Geld aus, wenn gerade Wahljahr ist. „Populismus und Kredit gehören oft zusammen“, folgert Rajan - und hat damit auch eine Erklärung dafür, dass die amerikanischen Politiker so viele Kredite propagierten. Die Löhne waren in Amerika vor der Krise so ungleich verteilt wie zuvor nur im Jahr 1929, vor der Weltwirtschaftskrise. Die Präsidenten fanden - bewusst oder unbewusst - den richtigen Weg, die abgehängten Armen zufrieden zu halten. Sie ermöglichten ihnen, sich trotzdem reicher zu fühlen. Nur eben auf Kredit.

Wer eine derartige Erklärung für die amerikanische Kreditblase hat, der hat auch originelle Ideen für die Zukunft. Rajan will sich nicht ausschließlich auf den Staat verlassen, also auf eine stärkere Regulierung. „Ironischerweise ist der Glaube an eine strenge Regulierung am stärksten, wenn der Wirtschaftszyklus am Boden ist und der Markt kaum reguliert werden muss.“ So wie jetzt. „Im Gegensatz dazu ist der andere Irrtum, dass sich Märkte selbst regieren können, auf dem Höhepunkt des Zyklus am verbreitetsten - genau dann, wenn dem System die größte Gefahr droht.“

Der Kapitalismus kann selbst mithelfen, Krisen zu verhindern

Auch die Regulierer selbst sieht er als Teil des Zyklus. „Sie sind Menschen wie alle anderen, morgens und abends sind sie in der gleichen Welt wie die anderen Leute“, sagt er. „Wenn alle Leute steigende Kurse sehen und wieder denken, dass dieses Mal alles anders ist und der Aufschwung immer weitergeht, dann gilt das meistens auch für die Regulierer.“

Stattdessen glaubt Rajan, dass der Kapitalismus selbst bei der Verhinderung von Krisen mithelfen kann, wenn man nur dem Interesse der Kapitalisten nicht zu sehr nachkommt. Deren Interesse ist klar: Sie wollen nicht, dass Banken pleitegehen. Und sie verlassen sich darauf, dass der Staat dafür sorgt - also geben sie auch gefährdeten Banken immer weiter Kredit.

Er verlangt ein besseres soziales Netz in den Vereinigten Staaten

Das muss man abstellen, glaubt Rajan. Man könne sich nicht darauf verlassen, dass sich die Banken beim Schuldenmachen selbst disziplinieren - das müssten schon die Kreditgeber machen. Rajan hat auch einen Mechanismus dafür: Es soll besondere Anleihen geben. Diese Anleihen dürfen nicht von anderen Banken gehalten werden und können deshalb zur Not wertlos werden, ohne dass die Wirtschaft zusammenbricht. Die Logik: Weil diese Anleihen tatsächlich wertlos werden können, wird ihr Preis tatsächlich sinken, wenn die Investoren skeptisch werden. Dann wird deutlich, dass mit der Bank etwas nicht stimmt - während aber die anderen Gläubiger nach wie vor geschützt sein könnten.

Doch wenn er über dieses Thema spricht, dann denkt er auch wieder an seinen ursprünglichen Grund für die Wirtschaftskrise - an die amerikanische Ungleichheit bei den Einkommen. Und fordert, woran sonst kein Bankenregulierer denken würde. Er verlangt ein besseres soziales Netz in den Vereinigten Staaten.

Der Mensch

Raghuram Rajan stammt aus einer indischen Mittelschichtsfamilie. Sein Vater war Diplomat, als Kind wohnte Raghuram deshalb in Indonesien (in den späten 60er Jahren, als nach einem gescheiterten Putsch Unruhen und Massaker das Land bestimmten), in Sri Lanka und in Belgien. Er studierte erst Ingenieurwesen , konzentrierte sich dann aber doch auf die Wirtschaft. Nach der Doktorarbeit am Massachusetts Institute of Technology wechselte er nach Chicago. Dort lehrt er seit 1991, nur von 2003 bis 2006 war er Chefökonom des Internationalen Währungsfonds .

Die Universität

Die Universität Chicago gilt als Hochburg des Liberalismus und der freien Märkte . Dort lehrte zum Beispiel der berühmte Monetarist Milton Friedman , außerdem noch mehrere andere Wirtschafts-Nobelpreisträger. Keinen Nobelpreis hat bis dato Eugene Fama bekommen, der Erfinder der Theorie effizienter Märkte . Er galt als Favorit, bis die Finanzkrise kam. In jüngster Zeit setzen sich auch an der Universität Chicago neue, marktskeptischere Stimmen durch - nicht nur die von Raghuram Rajan, sondern auch die des Verhaltensökonomen Richard Thaler .

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