https://www.faz.net/-gqe-6jyd3

Im Porträt: Raghuram Rajan : Der neue Chicago-Boy

Doch die Geschichte von den Autos zeigt auch, dass die Märkte einen wichtigen Gegner haben: die Wirtschaft, also die Firmen, denen der Markt das Leben unbequem macht. Auch der Automarkt in Indien wurde hauptsächlich mit einem Ziel abgeschottet: die indische Firma zu schützen. Rajan hat auch das verinnerlicht - und er kennt auch dazu eine Geschichte aus Indien. Es ist die Geschichte der Diamantenhändler aus Gujarat. Die arbeiten seit 50 Jahren in einer kleinen Gemeinschaft eng zusammen und sind auf diese Weise zur größten Händlergemeinschaft der Welt geworden. Sie setzten sich ihre Regeln selbst, und bald waren die Geschäfte in Gujarat so intransparent, dass kaum noch Händler von außen mitmachen konnten, und das System wurde starr. Die Händler hätten ja auch keinen Anreiz gehabt, ihr Geschäft für neue Konkurrenten zu öffnen.

Dass Märkte überhaupt Regeln brauchen, war in Chicago lange ein verpönter Satz

Aus all dem zieht Rajan den Schluss: Der Kapitalismus ist schon gut, aber man muss ihn vor den Kapitalisten schützen. So heißt auch sein grundlegendes Buch, das er zusammen mit seinem Kollegen und Freund Luigi Zingales geschrieben hat: „Saving Capitalism from the Capitalists“.

Dass Märkte überhaupt Regeln brauchen, das war an Rajans Universität lange ein verpönter Satz. Denn er lehrt in Chicago, der Universität des Liberalen Milton Friedman und von Eugene Fama. Er stellte als Erster die These auf, dass Märkte effizient sind. Zu deren großer Zeit hätte also kein Chicago-Ökonom gewagt, Märkte als nicht perfekt zu bezeichnen.

In seinen Augen ergibt sich ein Bild über die tieferen Ursachen der Finanzkrise

Doch Rajan ist eine Generation jünger, und er hat am staatsfreundlicheren Massachusetts Institute of Technology (MIT) promoviert, bevor er nach Chicago kam. „Keynes gegen Friedman - das ist der Streit von früher“, sagt er. „Inzwischen wissen wir, dass der Markt ganz in Ordnung ist und dass man sich auch um die Probleme kümmern kann.“

So ergibt sich vor Rajans Auge ein Bild über die tieferen Ursachen der Finanzkrise, das in dieser Form kaum ein anderer zeichnen würde. Natürlich gibt es Gier, aber die gibt es immer - damit lässt sich keine Finanzkrise erklären. Natürlich hat der eine oder andere Manager das Gesetz gebrochen und wird dafür bestraft. Und natürlich haben die Banken schlechte Kredite verpackt und weitergegeben. Den eigentlichen Grund aber erkennt man, wenn man fragt: Warum haben so viele Leute Kredite bekommen, die sie sich nicht leisten konnten? Und da landet er bei der Politik. Die Regierungen Bush und Clinton hätten dem Land das Ziel gesetzt, möglichst viele Menschen zu einem eigenen Haus zu bringen, und das noch gefördert - und zwar gerade für die Armen, die hinterher ihre Kredite nicht zurückzahlten.

Die Löhne waren in Amerika vor der Krise so ungleich verteilt wie zuvor nur 1929

Weitere Themen

Topmeldungen

Der amtierende Berliner Oberbürgermeister Michael Müller und die neu gewählte Berliner SPD-Parteispitze Franziska Giffey und Raed Saleh (links)

Parteitag des Landesverbands : Giffey zur neuen SPD-Chefin in Berlin gewählt

Franziska Giffey und Raed Saleh werden zu neuen Vorsitzenden der Berliner SPD gewählt. Die Bundesfamilienministerin kündigt an, bei der Bürgermeisterwahl anzutreten. Bei dem Parteitag wird auch klar: Andere Optionen hat die SPD nicht.

Fehler beim FC Bayern : Hansi Flick hat genug

Der FC Bayern leistet sich in der Champions League teilweise haarsträubende Unaufmerksamkeiten. Trainer Hansi Flick stellt deshalb nun eine Forderung auf – und für Leroy Sané gibt es klare Aufträge.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.