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Im Gespräch: Stefan Homburg : „Rettungsschirm legt Keim für nächste Krise“

  • Aktualisiert am

„Die Kreditversorgung war nie gefährdet” Bild: Daniel Pilar

Stefan Homburg zählt für viele zu den herausragenden Ökonomen in Deutschland. In der Krise steht er mit seinen Ansichten bisweilen einsam da. Den Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre hält er für unverantwortlich. Die Lage sei keineswegs dramatisch, sie werde von interessierten Kreisen dramatisiert.

          Stefan Homburg zählt für viele zu den herausragenden Ökonomen in Deutschland. In der Krise steht er mit seinen Ansichten bisweilen einsam da. Den Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre hält er für unverantwortlich. Die Lage sei keineswegs dramatisch, sie werde von interessierten Kreisen dramatisiert.

          Herr Homburg, der Staat ist bei der Commerzbank eingestiegen. War das ein notwendiger Schritt?

          Nein, der Staat hat lediglich der Commerzbank die Übernahme der Dresdner Bank mitfinanziert ...

          „Eine zweite Großbank, für die dann ebenfalls der Grundsatz 'Too big to fail' gilt, liegt nicht im öffentlichen Interesse”

          ... was nicht per se schlecht ist.

          Ich habe in meinem Studium noch gelernt, dass man in einer Wettbewerbsgesellschaft eher eine staatliche Fusionskontrolle benötigt. Insofern ist es seltsam, dass hier mit Steuergeldern künstlich eine Großbank gezimmert wird.

          Was wäre die Alternative? Die Banken wären in eine extreme finanzielle Schieflage gekommen.

          Einspruch: Weder bei der Commerzbank noch bei der Dresdner Bank gab es Anzeichen für drohende Insolvenz. Es ging allein darum, dass die Commerzbank bei einer Übernahme der Dresdner Bank die notwendige Eigenkapitalquote ohne staatliche Hilfe nicht erreicht hätte.

          Dass die Banken von der Finanzkrise nicht betroffen sind, ist eine gewagte Aussage. Die Verluste, die sie abschreiben müssen, sind doch gewaltig.

          Gewaltige Abschreibungen sind im Konjunkturabschwung normal und haben mit einer Existenzbedrohung nichts zu tun. Commerzbank und Dresdner Bank könnten als unabhängige Institute überleben. Eine zweite Großbank, für die dann ebenfalls der Grundsatz "Too big to fail" gilt, liegt jedenfalls nicht im öffentlichen Interesse. Warum also sollte der Steuerzahler einen Teil der Risiken tragen?

          Weil ausländische Großbanken schon bereitstehen und nur große Banken im internationalen Geschäft mitmachen können.

          Das wird allgemein behauptet. Es gibt aber keine Befunde, wonach nur Großbanken überleben könnten - ganz im Gegenteil. Die vergleichsweise kleinen Sparkassen und Volksbanken stehen gut da, und sie sind es, die den Mittelstand primär mit Krediten versorgen. Versagt haben die großen, vor allem die Investmentbanken. Der staatliche Rettungsschirm für sie war ein Fehler. Die Gesellschaft braucht kein selbstreferentielles System, das sich gegenseitig hochschaukelt, dauerhafte Renditen von 25 Prozent verspricht und dieses unhaltbare Versprechen vom Steuerzahler einlösen lässt.

          Mit dieser Einschätzung stehen Sie ziemlich allein da. Wie begründen Sie Ihre gewagte These?

          Der Rettungsschirm setzt enorme Fehlanreize. Bankmanager wissen jetzt, dass letztlich der Steuerzahler haftet, und werden daher noch größere Risiken eingehen. Insofern legt der Rettungsschirm den Keim für die nächste Krise. Für sinnvoll halte ich hingegen die Maßnahmen der Europäischen Zentralbank: Weil sich die Banken gegenseitig misstrauen, nimmt die EZB von den Banken Einlagen entgegen und leiht sie an andere Banken aus. Der nur beschränkt funktionsfähige Interbankenmarkt wird gleichsam simuliert. Weil das gut klappt, gibt es keinen Grund für darüber hinausgehende steuerfinanzierte Maßnahmen.

          Wenn alles so gut läuft, wie Sie behaupten, warum ist dann von Kreditverknappung die Rede? Warum soll wegen der dramatischen Lage nun auch die Industrie staatliche Garantien bekommen?

          Die Lage ist keineswegs dramatisch, sie wird nur dramatisiert, vor allem durch interessierte Kreise. Betrachten wir den Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im letzten September. Damals sagte Finanzminister Steinbrück nach einem Gespräch mit Herrn Ackermann von der Deutschen Bank: Wir haben heute in einen Abgrund geblickt. Ich sehe es anders: Herr Ackermann hat dem Bundesfinanzminister einen Abgrund vorgespielt, um den für seine Bank nützlichen Rettungsschirm durchzusetzen.

          Moment mal, gerade die Deutsche Bank nutzt den Schirm nicht.

          Richtig, der Rettungsschirm rettet nicht das Überleben der Deutschen Bank, das genau ist meine These. Der Schirm schützt vielmehr die Forderungen und damit die Gewinne und Boni der Deutschbanker. Aber ist das wirklich Aufgabe des Steuerzahlers?

          Das hilft doch nicht nur der Deutschen Bank. Der Staat hält so den Geldkreislauf am Leben, der für die Wirtschaft lebensnotwendig ist. Die Alternative wäre eine Kreditklemme.

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