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Im Gespräch: Robert Shiller : „Die nächsten fünf Jahre werden enttäuschend“

  • Aktualisiert am

„Ökonomen wären gerne Naturwissenschaftler, sind es aber nicht”, sagt Robert Shiller Bild: Christian Thiel

Kaum ein Ökonom wusste mehr über die Krise, bevor sie da war, als Robert Shiller. Er hat frühzeitig gewarnt. Im Interview spricht der Yale-Professor über eine Krise ohne Ende, die Fehler seiner Zunft und wieso es ihm hilft, Zyniker zu sein.

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          Kaum ein Ökonom wusste mehr über die Krise, bevor sie da war, als Robert Shiller. Er hat frühzeitig gewarnt. Im Interview spricht der Yale-Professor über eine Krise ohne Ende, die Fehler seiner Zunft und wieso es ihm hilft, Zyniker zu sein.

          Herr Shiller, in Deutschland ist man jetzt wieder optimistisch. Ist die Krise schon zu Ende?

          Nein, ich mache mir Sorgen, dass die nächsten fünf Jahre enttäuschend werden. Die Rezession wird wohl früher zu Ende gehen, doch das wird nicht das Ende der Krise sein.

          Was verstehen Sie unter enttäuschenden Jahren?

          Schauen Sie sich die Große Depression an. Die meisten datieren sie auf den Zeitraum zwischen 1929 und 1941. Während dieser Zeit gab es zwei Rezessionen. Es gab eine Erholung in der Mitte, aber sie wurde nie stark genug. Deshalb glaube ich, dass das Ende der Rezession vielleicht da ist. Das ist aber nicht das Ende unserer Probleme. Wir werden möglicherweise bald die nächste Rezession erleben.

          Sie haben die Krise früh vorhergesehen. Für die meisten Ihrer Ökonomenkollegen kam sie hingegen überraschend. Was haben die anderen falsch gemacht?

          Sie haben an die falschen Dinge geglaubt. Die meisten Makroökonomen und Finanzmarktspezialisten waren zum Beispiel der festen Überzeugung, dass Finanzmärkte effizient sind, dass es keine Blasen gibt und dass wir die Marktpreise respektieren müssen als die kollektive Weisheit der Menschen, die jedermanns individuelles Wissen übersteigt. Es wäre lächerlich, den Markt in Frage zu stellen, dachten sie. Das war einer der größten Fehler in der Geschichte des ökonomischen Denkens.

          Was ist daran falsch, wenn man glaubt, dass Märkte effizient sind?

          Es ist nicht vollkommen falsch. Ich erzähle meinen Studenten immer, dass Märkte effizienter sind, als man vielleicht denkt. Ich sage: Erwartet nicht, dass ihr schnell viel Geld damit verdient, wenn ihr versucht, klüger zu investieren als die anderen auf dem Markt, auch wenn ihr Einser-Studenten seid. Es ist nicht einfach, den Markt zu schlagen. Es steckt also durchaus etwas Wahrheit in der Theorie effizienter Märkte. Nur gab es die Tendenz, es zu weit zu treiben.

          Zum Beispiel?

          Die Ökonomen haben daraus abgeleitet, dass Marktpreise immer richtig sind und Spekulationsblasen folglich nicht existieren. Wenn Sie in das Stichwortverzeichnis eines Lehrbuchs der Finanzmarktökonomie nach dem Wort „Blase“ schauen, werden Sie es dort nicht finden. Die Bücher erwähnen Blasen nicht einmal. Das ist abstrus. Denn es gibt immer wieder Übertreibungen auf den Finanzmärkten, wie wir es in dieser Krise wieder einmal gesehen haben.

          Warum haben trotzdem so viele Ökonomen nicht an sie geglaubt?

          Wissenschaftler korrigieren sich nur ab und zu; sie können für lange Zeit falsch liegen. Ärzte glaubten einmal, dass es sinnvoll ist, Menschen Blut abzulassen, wenn sie krank waren. Sie waren davon jahrhundertelang überzeugt, und am Ende stellte sich heraus, dass sie es vollkommen ohne Grundlage waren. Im Gegenteil: Es ist sogar schädlich, Blut abzulassen, wenn jemand krank ist.

          Gut, aber wie kamen Ihre Kollegen überhaupt erst zu ihrer Überzeugung?

          Ich kann mir interne Gründe vorstellen. Wissenschaftler mögen Forschung, die sie selbst verherrlicht. Sie mögen keine Forschung, die Finanzanalysten verherrlicht. Deshalb entwickelten sie die Sichtweise, dass Analysten nichts wissen im Vergleich zum Markt. Wenn irgendeiner von ihnen reich war, dann musste es einfach das Glück des Dummen sein. Es gibt immer ein paar, die eine Folge von Glückstreffern landen und berühmt werden. Das war eine sehr feindliche Sicht auf diese Leute.

          Und Sie haben eine sehr feindliche Sicht auf Ihre Kollegen.

          Na ja, ich spekuliere nur. Vielleicht fühlen sich einige jetzt angegriffen. Aber trotzdem: Ich vermute, dass die Entscheidungen vieler Ökonomen verzerrt waren durch Wunschdenken.

          Das kann doch nicht alles sein!

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