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Im Gespräch: Paul Volcker : „Höhere Inflationsziele sind einfach nur Unsinn“

  • Aktualisiert am

Paul Volcker Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

Paul Volcker leitete früher die amerikanische Zentralbank. Heute ist er der wichtigste wirtschaftspolitische Berater von Barack Obama. Am Wochenende war der Ökonom in Berlin. Dort erläuterte er, wie die Regierung den Finanzmarkt besser regulieren will.

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          Der Ökonom leitete früher die Zentralbank Federal Reserve und ist heute der wichtigste wirtschaftspolitische Berater des amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Als Ehrenstipendiat der American Academy war er am Wochenende in Berlin. Dort erläuterte er, wie die Regierung den Finanzmarkt besser regulieren will und welchen internationalen Abstimmungsbedarf er sieht.

          Herr Volcker, wie sind die Chancen, ihr Paket zur Finanzmarktregulierung durch den Kongress zu bekommen?

          Es ist immer eine Herausforderung, eine umfassende Gesetzgebung durch den Kongress zu bekommen. Es ist derzeit überhaupt schwierig, dort etwas durchzusetzen. Zudem gibt es Widerstand aus der Wirtschaft gegen die geplante Reform. Sie sagt: Wir sind durch die Krise gekommen, wir können unser übliches Geschäft wieder machen, wir brauchen dieses Regulierungszeug nicht. Ich halte dieses Denken für gefährlich. Ich hoffe weiterhin, dass der Kongress ein umfassendes Gesetz beschließen wird - einschließlich meiner Vorschläge.

          Man liest viel über mögliche Kompromisse. Kann man damit das Finanzsystem stabilisieren?

          Es gibt keinen Grund, das Konzept abzuschwächen. Ich weiß, es gibt eine Diskussionen darüber, wie man ein solches Gesetz umsetzen kann. Die Details sollte man den Aufsichtsbehörden überlassen. Sie müssen die neuen Prinzipien durchsetzen. Das Gesetz muss diese entscheidende Botschaft transportieren.

          Kern ihres Konzepts ist, normale Geschäftsbanken von anderen Kapitalmarktakteuren zu trennen ...

          ... von spekulativen Geschäften. Geschäftsbanken in Amerika und anderen Ländern werden durch ein Sicherheitsnetz geschützt, sie haben Zugang zur Zentralbank und in den meisten Ländern zu einem Einlagensicherungssystem. Die zentrale Frage ist doch, ob auch die Institute Unterstützung durch den Staat, den Steuerzahler genießen sollen, die auf eigene Rechnung spekulative Geschäfte machen. Geschäftsbanken haben eine wichtige Aufgabe im Wirtschaftleben. Sie müssen geschützt werden.

          Kann man den Eigenhandel abgrenzen vom Handel im Auftrag von Kunden?

          Klar. Dazu hat man die Bankenaufsicht. Wenn mir ihr Vorsitzender sagt, er könne nicht unterscheiden zwischen Eigenhandel und anderen Geschäften, dann sollte er etwas anderes machen.

          Lässt sich das immer so sauber trennen?

          Handel im Auftrag eines Kunden ist etwas anderes als Handel für den eigenen Profit. Das macht den Unterschied. So gibt es Banken mit ganzen Abteilungen für Eigenhandel. Das hat schon per Definition nichts mit Kundengeschäft zu tun.

          Sie sagen, in der nächsten Krise hauen Sie nur die Geschäftsbanken heraus.

          So habe ich das nicht gesagt. Mein Konzept sieht so aus: Die Geschäftbanken genießen eine besondere Absicherung. Sie werden zudem scharf reguliert. Damit können wir hoffen, dass wir diese Banken auch in einer neuen Krise nicht auffangen müssen. Doch brauchen wir einen Mechanismus, wie wir uns der großen Kapitalmarktakteure annehmen können, die scheitern. Da sind sich Europa und Amerika einig. Wir müssen systemisch wichtige Institutionen abwickeln können. Sie sollten in einen Schlaf fallen, aus dem sie sich nicht mehr erheben können: Aktionäre werden ihre Anteile verlieren, das Management seine Aufgabe, die Kreditgeber stehen im Risiko.

          Die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers hat die Finanzwelt an den Rand des Abgrunds gestürzt. Kann man die Drohung ernst nehmen, künftig solche Institute nicht zu retten?

          Ja, denn bei Lehman war die Situation anders. Da gab es die Möglichkeit nicht, diese Gesellschaft geordnet abzuwickeln.

          Wenn Ihr Paket durch den Kongress kommt, werden die Banken nicht dorthin ausweichen, wo die Regulierung nicht so hart ist, etwa nach London?

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