https://www.faz.net/-gqe-9gx

Im Gespräch: Hyun Song Shin : „Zentralbanken tragen Verantwortung für Finanzstabilität“

  • Aktualisiert am

„Bin nicht der neue Milton Friedman”: Hyun Song Shin Bild: Archiv

Die Zentralbanken müssen rechtzeitig die Entstehung von Finanzkrisen bekämpfen, sagt der Wirtschaftswissenschaftler aus Princeton im Interview mit FAZ.NET. Kleinere Länder dürfen sich gegen die Folgen der Geldpolitik der Fed wenden.

          6 Min.

          Professor Shin, sind Sie der neue Milton Friedman?

          Nein, ich denke nicht. Wie kommen Sie darauf?

          Weil Sie, wie Friedman vor einem halben Jahrhundert, die Bedeutung der Geldmenge für die Geldpolitik wieder entdeckt haben.

          Es ist richtig, dass ich in meinen Arbeiten das Verhalten von Finanzunternehmen und hierzu auch Geldmengen untersuche. Aber ich tue das aus anderen Gründen. Friedman und die anderen Monetaristen analysierten Geldmengen mit Blick auf die Inflation. Ich analysiere Geldmengen mit Blick auf die Stabilität des Finanzsystems.

          Die zuletzt dominierende Schule der direkten Inflationssteuerung hielt es dagegen nicht für sinnvoll, Analysen von Geld- oder Kreditmengen für die Geldpolitik anzustellen.

          Das stimmt. Es kommt in der Wissenschaft vor, dass die Suche nach theoretischer Eleganz und technischer Vollkommenheit Analysen etwas einseitig werden lässt, und ein Blick zurück hilfreich sein kann.

          Was geschieht, wenn nach Ihren Analysen die Zentralbank die Leitzinsen senkt im Unterschied zur bisher dominierenden Theorie der direkten Inflationssteuerung?

          In der Welt der direkten Inflationssteuerung sorgt die Leitzinsänderung dafür, dass sich die Inflationserwartungen der Menschen ändern. Das sorgt für Veränderungen des langfristigen Zinses, die wiederum Einfluss auf realwirtschaftliche Größen wie Konsum und Investition nehmen. Die Geldpolitik wirkt in diesem Modell über Anpassungen der Zinskurve.

          Und was geschieht in Ihrem Modell?

          Ich frage, was nach Änderungen der Leitzinsen im Finanzsektor geschieht, und hier vor allem in den Banken. Diese Einflüsse sind sehr wichtig. Änderungen von Leitzinsen beeinflussen die Refinanzierungskosten von Banken und nehmen daher Einfluss auf deren Gestaltung der Bilanz. Änderungen der Bankbilanzen beeinflussen anschließend die reale Wirtschaft. Das lässt sich sehr gut anhand der internationalen Rolle des Dollar zeigen.

          Wie wirkt die amerikanische Geldpolitik außerhalb der Vereinigten Staaten?

          Große, international tätige Banken haben sich in den Vereinigten Staaten billig verschuldet, diese Gelder dann in ihre Zentralen gebracht und von dort rund um den Globus in attraktiv erscheinende Anlagen investiert. Auf diese Weise überträgt sich die amerikanische Geldpolitik ins Ausland.

          Davon wird die Fed aber nichts wissen wollen.

          Es wäre töricht, von einer Zentralbank zu erwarten, dass sie auf das internationale Umfeld achtet. Die Mandate von Zentralbanken beschränken sich auf ihre jeweiligen Heimatländer. Das gilt auch für die Fed. Daraus müssen andere Länder Konsequenzen ziehen können.

          Und was bleibt zu tun, wenn die Fed eine so lockere Geldpolitik betreibt, dass es zu bedeutenden und unerwünschten Übertragungen ihrer Politik ins Ausland kommt?

          Aus meiner Sicht muss die Handlungsfähigkeit der Geldpolitik in den anderen Ländern gewährleistet bleiben. Die Geldpolitik in den anderen Ländern darf nicht in eine Situation kommen, dass sie binnenwirtschaftlich notwendige Schritte nicht ergreift, weil sie für diesen Fall zu große Kapitalzuflüsse fürchtet.

          Milton Friedman hätte darauf vermutlich geantwortet: „Flexible Wechselkurse reichen völlig aus, die nationale Souveränität der Geldpolitik zu sichern."

          Das klassische Argument lautet: Wenn ein Land Kapitalzuflüsse hat, lässt es seine Währung aufwerten, und die Kapitalzuflüsse hören bald auf. Das mag für eine Welt mit vielen kleinen Investoren gelten. Wir leben aber in einer Welt, in der es große Investoren gibt, die mit einem hohen Verschuldungshebel arbeiten. Mit der Aufwertung der Währung steigen der Wert der Anlagen und die Rendite und die Verschuldungsfähigkeit, und daraus entsteht ein Anreiz, weiter in die aufgewertete Währung zu investieren. Nehmen Sie einen Carry-Trader, der sich billig in Dollar verschuldet und eine Währung aus einem Schwellenland kauft. Wenn die Währung des Schwellenlands aufwertet, kann sich der Carry-Trader zusätzlich in Dollar verschulden und in die Schwellenlandwährung investieren, die sich dann weiter aufwertet.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Besucher auf der Pekinger Automesse probieren den neuen Mercedes V260 L SPV.

          Pekinger Automesse : Autobauer hoffen auf China

          Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie kommt die Autowelt wieder in China zu einer großen Messe zusammen. Die Aussichten für den größten Automarkt sind gut - aber auch die Abhängigkeit von China wächst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.