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Im Gespräch: Erzbischof Reinhard Marx : „Eigeninteresse ist sittlich nicht zu beanstanden“

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Reinhard Marx Bild: dpa

Haben liberale Vordenker die Gier zu einem Ordnungsprinzip der Marktwirtschaft erhoben? Nein, sagt Erzbischof Reinhard Marx, so dächten allenfalls Vulgärphilosophen. Eigeninteresse sei sittlich nicht zu beanstanden. Immerhin laute ein christlicher Leitsatz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“

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          Die Finanzkrise biete eine Chance, das Verhältnis von Markt und Staat zu korrigieren, sagt der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx. Genauso wichtig wie marktkonforme Regeln sei es, dass Wirtschaftsakteure ihr Handeln an ethischen Prinzipien ausrichteten. Die ordnungspolitische Gestaltung der Globalisierung hält er für eine wesentliche Aufgabe.

          Sie beginnen Ihr jüngstes Buch mit einer direkten Ansprache an Ihren Namensvetter Karl Marx. Wenn Sie ihn heute treffen könnten, was würden Sie ihm mit auf den Weg geben?

          Ich würde ihn fragen, ob er sich wirklich vorstellen konnte, was aus seinen Ideen einmal folgen würde. Ich habe den Eindruck, dass seinem Denken ein totalitärer Ansatz zugrunde liegt. In seinen Schriften steckt sehr viel Ideologie. In der Analyse über den frühen Kapitalismus hat er manches richtig erkannt. Aber über sein Menschenbild und die Konsequenzen, die sich aus seinen Ideen ergeben, würde ich ihn rückblickend auf die Geschichte gern einmal befragen.

          Welchen zentralen Vorwurf machen Sie ihm?

          Sein Menschenbild basiert auf einer völlig falschen Vorstellung des Menschen, die jede religiöse Dimension ausklammert. Die starke Gegensätzlichkeit der Klassen, die seinen Thesen zugrunde liegt, hat zur Folge, dass Ideologien mit Gewalt durchgesetzt werden.

          Nun gestehen Sie ihm aber in Ihrem Buch, das passenderweise den Namen „Das Kapital“ trägt, zu, Entwicklungen richtig vorhergesehen zu haben.

          Eine Gemeinsamkeit der Analyse besteht etwa in der Bewertung der Menschenrechte, die aber nicht nur Marx propagiert: Sie können nicht allein individualistisch interpretiert werden, sondern es gibt auch eine soziale Dimension der Menschenrechte. Brecht hat einmal gesagt, was nützt mir die Pressefreiheit, wenn ich nichts zu essen habe. Das andere ist die Frage, wie die Kapitalakkumulation sich vollzieht. Marx sieht, dass sie sich von der Realwirtschaft lösen kann.

          Der Konzentrationsprozess des Kapitals, den er anspricht, hat sich in der jüngeren Vergangenheit verschärft – die Vermögen klaffen weiter auseinander denn je.

          Wir erleben seit den neunziger Jahren eine gewisse Abkopplung der Finanzmärkte von den realwirtschaftlichen Bezügen, die einhergeht mit der politisch gewollten Deregulierung der Finanzmärkte. Die Vorstellung, jede Regelung dort sei hinderlich, hatte sich durchgesetzt.

          Sehen Sie die Marktwirtschaft nun unter größerem Rechtfertigungsdruck?

          Nein. So unterschiedlich auch immer frühere Krisen im Vergleich zur heutigen waren, so haben wir doch eine Erfahrung sicher gemacht: dass die Marktwirtschaft besser und tendenziell gerechter ist und dadurch politisch und ökonomisch einem Dirigismus und Kollektivismus vorzuziehen ist. Wir hatten für lange Zeit immer das Gegenbild des Kommunismus, so dass die großen Wohlstandsgewinne für uns noch sichtbarer waren. Als aber das Gegenbild wegfiel, fehlte diese Konkurrenz plötzlich. So ist es kein Zufall, dass sich nach der Wende wieder ein „primitiverer Kapitalismus“ durchsetzte, der meinte, auf ordnungspolitische Rahmenbedingungen verzichten zu können.

          Wodurch zeichnet sich diese Form von Kapitalismus für Sie aus?

          Indem der Staat als eine hinderliche Größe gesehen wurde. Aber ohne den Staat können wir nicht gut leben . . .

          . . . aber in der Finanzkrise erlebt doch die Vorstellung von der Macht des Staates eine geradezu erschreckende Renaissance . . .

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