https://www.faz.net/-gqe-120y4

Im Gespräch: Christoph Schmidt : „Die Große Depression sehe ich nicht kommen“

  • Aktualisiert am

Christoph Schmidt Bild: Frank Röth

Christoph Schmidt ist in den Kreis der „Wirtschaftsweisen“ entsandt worden. Im Gespräch mit der F.A.Z. sagt der Arbeitsmarktforscher, warum er gegen Staatshilfen für Opel ist und wie die Kurzarbeit die Arbeitsmarkdaten verfälscht.

          4 Min.

          Der Arbeitsmarktforscher Christoph Schmidt ist soeben von der Regierung in den Kreis der „Wirtschaftsweisen“ entsandt worden. Er widerspricht der Idee von Arbeitsminister Olaf Scholz, das Kurzarbeitergeld noch weiter zu verlängern. Statt des beschlossenen Konjunkturpakets hielte er Steuersenkungen für wirkungsvoller, um die Konjunktur zu beleben.

          Deutschland steuert auf eine Million Kurzarbeiter zu. Wie lange kann der Staat auf diese Weise gegen die Arbeitslosigkeit ansubventionieren?

          Ich halte den starken Einsatz der Kurzarbeit weiterhin für richtig. Aber es ist auch klar, dass das recht bald ein Ende haben muss. Es können nicht Millionen dauerhaft kurzarbeiten. Die Hoffnung ist, dass die Rezession in absehbarer Zeit ein Ende findet und dass durch das Konjunkturpaket die Krise abgefedert wird. Das könnte bis zu 100 000 Arbeitslose weniger mit sich bringen.

          Wie aussagekräftig ist dann im Wahljahr überhaupt die Arbeitslosenstatistik, wenn Unterbeschäftigung in großem Stil durch Kurzarbeit kaschiert wird?

          Natürlich ist das Bild verzerrt. Es wird etliche hunderttausend Beschäftigte geben, die in Kurzarbeit geparkt werden, die normalerweise arbeitslos würden.

          Durch Kurzarbeit können Stammbelegschaften zunächst gehalten werden. Aber werden nicht etwa in der Autoindustrie auch Strukturen konserviert, die eigentlich angepasst werden müssten?

          Das sind die beiden Seiten der Medaille: Zum einen die sozial abfedernde Wirkung im Umbruch, die auch den Unternehmen hilft, ihre Investitionen ins Personal erst einmal zu retten. Zum anderen der Pferdefuß, dass Anpassungen verlangsamt werden. In einem Abschwung wie diesem ist ein staatliches Gegensteuern meiner Meinung nach aber gerechtfertigt. Die spannende Frage im Wahljahr wird sein: Kann sich die Politik mit ihren Eingriffen zurückhalten?

          Wo sind für Sie die Grenzen?

          Es gibt gute Gründe, im Finanzsystem einzugreifen, wenn eine Bank als systemrelevant erachtet wird, wobei das nicht jede Bank sein kann. Geht eine Bank unter, ist die Gefahr groß, dass sie andere mit sich zieht. In den meisten übrigen Branchen ist die Situation anders: Ein Wegfall eines Unternehmens ist schmerzhaft für die Beschäftigten, nutzt aber den Wettbewerbern. Ich sehe die Gefahr eines Dammbruchs, wenn der Staat an die Stelle privater Investoren tritt. Wo soll das dann enden?

          Also Geld für die Commerzbank, aber nicht für Opel?

          Wenn es so ist, dass der Untergang der Commerzbank zu einer Kettenreaktion führt, dann ja. Im Fall Opel sehe ich dieses Risiko nicht. Jegliches Engagement des Staates sollte hier nur nach Vorlage eines überzeugenden Zukunftskonzepts durch das Unternehmen erfolgen. Das gilt auch schon für Bürgschaften. Eine staatliche Beteiligung ist ganz abzulehnen.

          Ist es überhaupt konsequent, Kurzarbeit in der Autoindustrie zu subventionieren, so lange Überkapazitäten bestehen?

          Man hat zwar die Kurzarbeit erweitert, doch nach 18 Monaten ist Schluss. So eine bindende Regelung, die nicht auf Zuruf verlängert werden sollte, ist auch sehr wichtig. Dann müssen die Unternehmen wettbewerbsfähig sein. Sicherlich hat die Abwrackprämie ein Strohfeuer entfacht. Trotzdem werden die Verantwortlichen strategisch reagieren müssen. Wenn Überkapazitäten vorhanden sind, warum sollte man lange warten, diese abzubauen?

          Die Abwrackprämie ist Teil des zweiten Konjunkturpakets. Insgesamt erscheint dieses als ein Sammelsurium von Maßnahmen. Wird es trotzdem wirken?

          Wir hatten sehr offensiv für ein einfacheres Konzept geworben. Steuersenkungen im Umfang von 25 Milliarden Euro wären besser gewesen. Natürlich sind auch öffentliche Investitionen grundsätzlich sinnvoll. Der Staat hat einen hohen Investitionsstau, weil er die Konsumausgaben nicht zurückgefahren hat. Etwa beim Personal hätte er stärker sparen können. Ich bin aber skeptisch, dass die jetzt geplanten Investitionen stark als Konjunkturimpuls wirken können. Es wird schwierig, für 18 Milliarden Euro in relativ kurzer Zeit vernünftige Projekte zu finden. Wir haben das ganze Konjunkturpaket durchgerechnet und kommen auf einen eher kleinen Wachstumsbeitrag von 0,5 Prozentpunkten. Um so viel wird die Rezession gedämpft.

          Weitere Themen

          Die Regierung sagt den Autoherstellern Hilfe zu

          Autogipfel : Die Regierung sagt den Autoherstellern Hilfe zu

          Wie kann die Autoindustrie den Strukturwandel meistern? Der Automobilverband VDA, der Arbeitgeberverband Gesamtmetall und die IG Metall haben Vorschläge erarbeitet – und dürfen auf Unterstützung aus der Politik hoffen.

          Platz da, Boomer! Video-Seite öffnen

          F.A.Z. Woche : Platz da, Boomer!

          Keine Generation hat in Deutschland so viel Macht wie die der Babyboomer. Doch bald gehen sie in Rente. Wie verändert sich dann unser Arbeitsmarkt?

          Topmeldungen

          Gefeiert wie ein Popstar: Heinz-Christian Strache am Donnerstagabend in Wien.

          Strache-Auftritt in Wien : „Hier steht das Original“

          Heinz-Christian Strache will in Österreich mit einer neuen „Bürgerbewegung“ in die Politik zurückkehren und seiner früheren Partei FPÖ das Leben schwer machen. Doch noch lässt er seine Anhänger zappeln – und vermeidet Festlegungen.

          Überfüllte Kliniken in China : Ein Patient alle drei Minuten

          Überfüllte Kliniken, gewalttätige Angehörige, Arztkosten als Existenzbedrohung, Menschen, die sich selbst ein Bein amputieren – und nun auch noch ein unbekannter Virus: In China sollte man besser nicht krank werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.