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Im Gespräch: Albrecht Ritschl : „Das Pendel der Regulierung schwingt ins andere Extrem“

  • Aktualisiert am

Albrecht Ritschl Bild: privat

Der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl ist ein Kenner der Depression nach 1929. Als Folge der aktuellen Finanzkrise sieht er eine schmerzhafte Rezession kommen, hält aber Katastrophenszenarien für übertrieben. Zugleich warnt Ritschl vor einem Rückfall in Überregulierung.

          Der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl ist ein Kenner der Depression nach 1929. Als Folge der aktuellen Finanzkrise sieht er eine schmerzhafte Rezession kommen, hält aber Katastrophenszenarien für übertrieben. Zugleich warnt Ritschl vor einem Rückfall in Überregulierung.

          Die Finanzkrise lässt manche eine neue Weltwirtschaftskrise befürchten. Sehr wahrscheinlich werden wir eine Rezession erleben. Wie schwer wird diese?

          Jede Krise ist anders als die vorige. Denn wir haben es in der Wirtschaft mit intelligenten, handelnden - und gelegentlich sogar intelligent handelnden - Subjekten zu tun, die ihr Verhalten strategisch anpassen. Daher kann man nur Voraussagen allgemeiner Natur machen. Der Vergleich mit 1929 scheint mir etwas vorschnell zu sein, schon weil die zeitliche Reihenfolge in der Weltwirtschaftskrise anders war: erst der amerikanische Börsenkrach von 1929, dann die allgemeine Wirtschaftskrise, dann mit Verspätung die Bankenkrise. Jetzt ist es umgekehrt: Wir haben erst eine Bankenkrise, aber am Ende einer allgemeinen Hochkonjunktur, die in eine Rezession mündet. Wir haben relativ wenig historische Erfahrung, um sicher zu sagen, wie schwer die Rezession sein wird.

          Welche historischen Vergleiche können weiterhelfen?

          Erst der Börsenkrach von 1987, der genauso schlimm war wie 1929, aber vergleichsweise milde realwirtschaftliche Auswirkungen hatte. Ein zweiter Vergleich könnte die Asien-Krise 1997/1998 sein. Der Vergleich hat zwar Grenzen, weil es damals um die Glaubwürdigkeit von Währungszonen ging und es spekulative Attacken auf Zentralbanken gab. Aber ähnlich wie heute haben Finanzderivate eine große Rolle gespielt. Die realwirtschaftlichen Auswirkungen auch der Asien-Krise waren zuletzt viel geringer als befürchtet. Eine Rezession wird auch jetzt kommen, wir müssen uns aber nicht auf eine Katastrophe einstellen, die in irgendeiner Weise mit der Weltwirtschaftskrise vergleichbar wäre. Schmerzhaft kann es werden, aber ein Zusammenbruchsszenario sehe ich nicht.

          Werden die Staatshilfen für die Banken in Europa und Amerika wirken?

          Es ist im Moment Ruhe ins Schiff gekommen, wie man in der Seglersprache sagt. Man kann aber noch nicht abschätzen, ob nun alles ausgestanden ist. Es mag sein, dass neue Tartarenmeldungen aus der Finanzwelt neues Ungemach bringen. Ich habe aber den Eindruck, als habe die Spekulation gegen die Banken erst einmal ein Ende genommen.

          Was ist der entscheidende Aspekt der Hilfspakete?

          Das entscheidende Element scheint zu sein, dass die Staaten ihre tiefen Taschen geöffnet und deutlich gemacht haben, dass sie nicht bereit sind, Banken in den Konkurs gehen zu lassen. Diese Ankündigung ist offenbar glaubwürdig.

          In Deutschland gibt es unter den Banken noch einige Zurückhaltung, auf die angebotenen Hilfen zurückzugreifen, weil damit Auflagen verbunden sind, etwa die Obergrenze von 500 000 Euro Jahresverdienst für Manager. Schreckt das die Banken von der Staatshilfe ab?

          Das ist ja auch gut so. Der Steuerzahler kann ja kein Interesse daran haben, den Banken Geld hinterherzuwerfen, ohne Bedingungen. Der Umstand, dass das jetzige Angebot nicht sofort voll ausgeschöpft wird, stimmt mich vorsichtig optimistisch. Die Staatshilfe mit Auflagen hat zwei Folgen: Zum einen, dass die Banken sich sehr genau überlegen, ob sie Hilfen in Anspruch nehmen - das ist gut so. Und zum anderen, dass Spekulanten im Markt sich sehr genau überlegen, ob sie weiter gegen die Banken spekulieren wollen - und auch das ist gut so. Wir wollen ja weder langfristig ein Staatsbankensystem, noch wollen wir, dass die Banken, kaum dass es größere Probleme gibt, sich beim Staat anstellen und um Hilfe betteln.

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