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Ökonomenranking : Hört den Experten zu

Ökonomen haben es schwer mit ihren Ratschlägen. Die Finanzkrise haben viele nicht vorhergesehen, heißt es lapidar. Vor der Eurokrise aber haben sie mit lauter Stimme gewarnt. Es lohnt sich, auf die Forscher zu hören.

          So geht’s jetzt ja auch nicht. Im Bundeskanzleramt sucht Angela Merkel gleich drei Verhaltenswissenschaftler: Sie sollen ihr helfen, das Volk im Sinn ihrer Politik zu beeinflussen. Aber wenn es darum geht, welche Ideen überhaupt sinnvoll sind, dann hört niemand auf die Experten. Die F.A.Z.- Rangliste der einflussreichsten Ökonomen zeigt in diesem Jahr eindrucksvoll: Die Ökonomen, die an der Spitze der theoretischen Forschung stehen, sind in der Politik und in der Öffentlichkeit nicht besonders präsent.

          Merkel scheint das nicht so problematisch zu finden. Gerade erst hat sie in einer Rede vor Wirtschaftsnobelpreisträgern noch mal daran erinnert, dass nicht jeder Ökonom die Finanzkrise vorhergesehen hat. Die Euro-Krise allerdings, vor der hatten Ökonomen von Anfang an mit lauter Stimme gewarnt. Und vor der Finanzkrise hätte es allemal gutgetan, sich an der Spitze der Forschung umzuhören. Genau dort waren nämlich die wenigen Volkswirte, die die Krisengefahr gesehen haben. Die politik- und mediennäheren Ökonomen hatten diese Warnungen nicht ernst genug genommen.

          Die Ökonomik ist eine vergleichsweise junge Wissenschaft, sie ist erst rund 300 Jahre alt - viele wichtige Fragen sind noch offen, und viele andere wichtige Fragen werden gerade erst an der Spitze der Forschung beantwortet. Man sollte dorthin gucken. Doch nicht mal in der Disziplin, die sich Merkel jetzt ins Haus holt, wollen die Politiker den Rat der Fachleute. Es sind gerade die Verhaltensforscher unter den deutschsprachigen Ökonomen, deren Forschung international hohes Ansehen genießt und die das Wissen um viele Aspekte bereichert haben - doch so mancher von ihnen taucht mangels öffentlichen Interesses in unserer Einflussrangliste überhaupt nicht auf.

          Das ist auf Dauer nicht gut. Ökonomen werden von der Öffentlichkeit bezahlt, Politik und Medien sollten sich auch die Ergebnisse ihrer Arbeit zunutze machen. Dieser Appell richtet sich andererseits auch an die Ökonomen. Die politische Welt ist nicht immer so einfach und auch nicht immer so logisch wie die Welt der Verhaltenslabore und der Wachstumsmodelle. Einige Forscher sind schon bereit, ihr Wissen auch so zu kommunizieren, dass die Öffentlichkeit davon profitieren kann. Doch manchem Spitzenforscher ist es bis heute gleichgültig, ob der Rest der Gesellschaft sich für seine Arbeit interessiert. Diese Forscher überlassen die öffentliche Diskussion anderen, die manchmal weniger qualifiziert sind. Das ist keine gute Haltung für Wissenschaftler, die mit Steuergeld bezahlt werden.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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