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Herdentrieb der Ökonomen : Konjunkturprognosen sind besser als ein Münzwurf

475 Gleichungen mit 518 Variablen: Das DIW-Konjunkturmodell Bild: Rainer Wohlfahrt

Konjunkturforscher rechnen mit komplexen Modellen. Viel Unsicherheit bleibt dennoch. Da möchte sich keiner mit seiner Prognose zu weit von der Mehrheitsmeinung entfernen. Ein gewisses Herdenverhalten gestehen die Forscher selbst ein.

          „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“ - so lautet ein beliebtes Bonmot, das Mark Twain, Karl Valentin, Niels Bohr oder auch Winston Churchill zugeschrieben wird. Das Geschäft der Konjunkturprognostiker ist derzeit besonders schwierig. Für ihre Prognosen treffen sie Annahmen, etwa zu den Wechselkursen oder zum Ölpreis. Und mit diesen Schätzungen lagen sie in jüngster Vergangenheit zum Teil erheblich daneben, was die Trefferwahrscheinlichkeit der ganzen Prognosen verschlechtert hat.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          So basierte die im vergangenen Herbst veröffentlichte Gemeinschaftsdiagnose von acht Wirtschaftsforschungsinstituten noch auf der Annahme eines Ölpreises von 80 Dollar je Barrel. In der Frühjahrsprognose, veröffentlicht im April dieses Jahres, setzten sie den Ölpreis für 2008 immerhin auf 98 Dollar fest. Tatsächlich aber ist er Anfang Juli auf fast 150 Dollar gestiegen, danach wieder unter 130 Dollar gefallen. Im vergangenen Jahr kostete ein Barrel Rohöl aber im Durchschnitt nur 73 Dollar. Die Ölimportrechnung der Deutschen könnte somit dieses Jahr um bis zu 30 Milliarden Euro höher ausfallen als 2007. Das wäre mehr als 1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

          „Es gibt auch unter den Prognostikern ein gewisses Herdenverhalten“

          Wegen dieses befürchteten Kaufkraftverlusts beginnen viele Ökonomen damit, ihre Ende 2007 erhöhten Wachstumsprognosen für 2008 wieder nach unten zu revidieren. Die Gemeinschaftsdiagnose der deutschen Institute vom April, als 1,8 Prozent Wachstum vorhergesagt wurden, erscheint schon wieder überholt. Der starke Einbruch des Ifo-Geschäftsklimas hat jeglichen Optimismus hinweggefegt. Nun senken die Ökonomen ihre mittelfristigen Prognosen, etwa die der Commerzbank, die 2009 nur noch 0,7 statt 1 Prozent Wachstum erwarten. „Es gibt auch unter den Prognostikern ein gewisses Herdenverhalten“, gibt Stefan Kooths vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin zu. Keiner der Konjunkturforscher möchte sich mit seinen Prognosen zu weit von der Mehrheitsmeinung entfernen. „Da ist die Angst, isoliert dazustehen“, sagt Kooths. Die Schwierigkeiten liegen auf drei Ebenen: Nicht nur müssen die Annahmen realistisch sein, es muss auch ein Modell geben, das die mikroökonomischen Zusammenhänge und die makroökonomischen Kreisläufe einer Volkswirtschaft bei aller Abstraktion zutreffend abbildet.

          Das Ifo-Institut nutzt ein Makromodell aus Oxford, das mehrere tausend Gleichungen umfasst. „Ich habe sie nie gezählt, so viele sind es“, sagt Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen. „Die reine Zahl und die Größe sagen aber auch gar nichts über die Qualität des Modells, für kurzfristige Prognosen sind oft sogar die kleineren Modelle besser.“ Eine typische Gleichung versucht etwa, den Konsum der privaten Haushalte aus ihrem verfügbaren Einkommen und ihrer Sparneigung zu berechnen. „Das Konsumverhalten kann von Land zu Land ziemlich unterschiedlich sein“, sagt Kooths. Das DIW geht in Großbritannien von einem spürbaren Effekt der Vermögenswerte auf den Konsum aus, in Deutschland aber nicht. Hier bestimmt vorrangig das verfügbare Einkommen den Konsum.

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