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Herdentrieb der Ökonomen : Konjunkturprognosen sind besser als ein Münzwurf

Es gibt häufig Revisionen der Statistik

„Schwierig wird es, wenn wir Strukturbrüche haben wie mit der Mehrwertsteuererhöhung“, erklärt Kooths. „Die Unsicherheit der Prognose nimmt dann zu.“ Als weitere Beispiele für Strukturbrüche nennt er die Unternehmensteuerreform, neue Abschreibungsregeln oder Arbeitsmarktreformen - etwa die Hartz-Gesetze, welche die Beschäftigungsschwelle gesenkt haben. „Es gibt überall Unsicherheiten“, sagt Carstensen. „Auch die Finanzkrise war in dieser Form so noch nie da, und je weniger historische Erfahrung wir haben, desto schwieriger ist die Folgenabschätzung.“Um eine Prognose über die Zukunft zu erhalten, füttern die Konjunkturforscher ihre Modelle mit den Daten, welche ihnen das Statistische Bundesamt oder die Bundesbank zur Verfügung stellen. Auch hier können sich Ungenauigkeiten oder Fehler einschleichen, es gibt häufig Revisionen der Statistik. Für einen großen Teil der Wirtschaft, namentlich den gesamten Dienstleistungssektor, der rund 70 Prozent des BIP ausmacht, gibt es zudem nur wenig Daten.

In einer Studie haben die beiden Ökonomen Ulrich Fritsche und Jörg Döpke 2006 untersucht, wie weit die Wachstumsprognosen die tatsächliche Entwicklung vorauszusagen vermochten. Demnach lagen etwa die im April veröffentlichten Prognosen für das laufende Jahr durchschnittlich um 0,8 Prozentpunkte neben der später errechneten BIP-Wachstumsrate. Die Herbstprognosen für das nächste Jahr, die also weiter als 12 Monate in die Zukunft reichten, hatten größere Fehler von bis zu 1,4 Prozentpunkten - so weit lag der IWF daneben. Fritsche und Döpke haben den Informationsgehalt der Prognosen mit einem Münzwurf verglichen. Immerhin beruhigend für die Forscher, dass sie konjunkturelle Richtungsänderungen deutlich öfter richtig angaben als der Zufallsgenerator.

Psychologie spielt in der Wirtschaft eine große Rolle

Eine umstrittene Frage unter Konjunkturforschern ist, ob ihre Prognosen selbst die Konjunktur beeinflussen. „Die Ökonomie hat es ja, anders als die Physik, mit einer mitdenkenden Materie, nämlich mit menschlichen Individuen, zu tun“, erklärt Ifo-Ökonom Carstensen. „Und Wirtschaftssubjekte können ihr Verhalten ändern, wenn sich ihre Erwartungen bezüglich der Zukunft ändern.“ Unternehmen etwa verzichten auf neue Investitionen, wenn allgemein ein konjunktureller Abschwung erwartet wird. Was aber, wenn Ökonomen fälschlich einen Abschwung voraussagen - kommt er dann trotzdem, als Ergebnis einer sich selbst erfüllenden Prognose?

Von Politikern hört man gelegentlich, man dürfe den Aufschwung nicht kaputtreden. Konjunkturforscher Carstensen gibt zwar zu, dass die Psychologie in der Wirtschaft eine große Rolle spielt. „Ich glaube aber nicht, dass wir Ökonomen eine solche Macht haben, die Konjunktur durch unsere Prognosen zu lenken.“ Genau werde man es aber nie wissen, experimentelle Nachweise sind kaum möglich, sagt Carstensen und fügt scherzhaft hinzu: „Es sei denn, wir fälschen einmal über mehrere Monate den Ifo-Konjunkturtest und den Geschäftsklimaindex und schauen dann, was passiert.“

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