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Harvard-Soziologin Michèle Lamont : Wir dürfen Menschen nicht nur nach Leistung beurteilen

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Die Harvard-Professorin Michèle Lamont sagt: „Ungleichheit macht krank“ Bild: Wohlfahrt, Rainer

Sonst fühlen sich die Armen als Verlierer, und die soziale Ungleichheit schmerzt noch mehr, sagt Harvard-Soziologin Michèle Lamont.

          Professor Lamont, warum interessieren sich auf einmal alle für Ungleichheit?

          Ich glaube, das liegt an den Krisenerfahrungen der letzten Jahre. Bei uns in Amerika kennt jeder jemanden, der seine Arbeit verloren hat, oder hat sogar selbst die Erfahrung gemacht, arbeitslos zu werden. Gleichzeitig haben Gruppen wie die Occupy-Bewegung den Leuten gezeigt, wie konzentriert der Reichtum am oberen Ende der Gesellschaft ist. Das Bewusstsein für soziale Ungleichheit ist in der Öffentlichkeit enorm gewachsen.

          Den meisten Menschen in der westlichen Welt geht es gut. Wieso sind sie so besessen davon, wie Einkommen und Vermögen verteilt sind?

          Wirtschaftliche Ungleichheit kann gravierende Konsequenzen für eine Gesellschaft haben.

          Zum Beispiel?

          Es gibt messbare Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung. Wenn eine Gesellschaft wirtschaftlich sehr ungleich ist, geht es im Durchschnitt allen gesundheitlich schlechter, nicht nur den Armen. Außerdem macht Ungleichheit unsolidarisch, weil sich die Leute unsicherer fühlen.

          Wirklich? Es heißt doch, unsichere Zeiten brächten die Leute einander näher.

          Nicht unbedingt. Wenn die Gesellschaft Erfolg verlangt und man sich Sorgen um seine eigene gesellschaftliche Position macht, ist man viel weniger bereit, anderen zu helfen, denen es noch schlechter geht. Das ist schlecht für den Zusammenhalt. Wirtschaftliche Ungleichheit ist also erst einmal grundsätzlich schädlich. Wie sehr sie einer Gesellschaft schadet, hängt allerdings auch davon ab, wie wir damit umgehen.

          Was kann man im Umgang miteinander falsch machen?

          Ich will die materielle Ungleichheit damit nicht verharmlosen. Natürlich ist es wichtig, dass die Menschen Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen haben. Wenn beispielsweise arme Leute keine ausreichende Gesundheitsversorgung haben, ist das ein großes Problem. Aber wie schlimm es sich anfühlt, arm zu sein, hängt mit der gesellschaftlichen Umgebung zusammen.

          Erklären Sie das konkret!

          Nehmen wir mal an, Sie sind ein einfacher Arbeiter und haben nicht viel Geld. Wenn Ihre Umgebung ausschließlich wirtschaftlichen Erfolg honoriert, fühlen Sie sich fast automatisch als Verlierer. Aber wenn Sie auch auf andere Art Anerkennung und Respekt erlangen können, meinetwegen indem Sie für Ihre Freunde da sind, sich liebevoll um Ihre Kinder kümmern und nett zu Ihren Kollegen sind, ist Ihre schlechte wirtschaftliche Lage viel leichter zu ertragen - weil sie Ihre persönliche Würde nicht beeinträchtigt. In Gesellschaften, die einen pluralistischen Wertekanon pflegen, können die Leute deswegen besser mit Ungleichheit umgehen.

          Und wie sorgen wir dafür, dass die Gesellschaft das hat: einen pluralistischen Wertekanon?

          Ich finde, der Staat hat hier eine wichtige Rolle. Es hilft zum Beispiel, wenn die Sozialpolitik universell gestaltet wird und Sozialleistungen nicht an bestimmte Kriterien gebunden sind.

          Sozialleistungen nicht an Kriterien binden? Wie soll man denn da sicherstellen, dass den Richtigen geholfen wird?

          Natürlich muss man dafür bestimmte Dinge über die Leute wissen. Aber es kann sehr stigmatisierend sein, wenn man jedes Mal nachweisen muss, dass man arm ist, um eine bestimmte Leistung zu erhalten. Aber manchmal ist es natürlich auch wichtig, dass die Situation des Einzelnen berücksichtigt wird. Nehmen Sie die Finanzkrise - da sind viele Leute arbeitslos geworden, weil ihre Stellen verschwunden sind, nicht aus Faulheit. Die Arbeitslosenversicherung sollte das eigentlich berücksichtigen, aber oft wurden die Leute trotzdem behandelt, als sei die Arbeitslosigkeit ihre Schuld. Und neben der wirtschaftlichen gibt es natürlich eine kulturelle Komponente. Eine Gesellschaft, die kulturelle Unterschiede feiert, ist besser darin, viele Leute zu integrieren und an sich zu binden, und wird deswegen leichter mit anderen Ungerechtigkeiten fertig.

          Aber die Gesellschaft wird doch nicht nur vom Staat geprägt.

          Nein, natürlich ist auch jeder Einzelne von uns aktiv daran beteiligt, Ungleichheiten zu schaffen, zu bekämpfen oder auf ungleiche Behandlung zu reagieren - und zwar nicht nur auf ökonomische Ungleichheit.

          Wie kann ein Einzelner Ungleichheit bekämpfen?

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