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Hans-Werner Sinn : Ein Rückblick auf ein halbes Jahrhundert

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Da war die Systemfrage schon lange entschieden: Hans-Werner Sinn 2005 im Trabant Bild: LAIF

Welche Bundesregierung hat den Wohlstand gemehrt, welche verzehrt? In seiner Abschiedsvorlesung knöpft sich der bekannteste deutsche Ökonom die Wirtschaftspolitik vor.

          10 Min.

          Das Schlüsselerlebnis meines Lebens als Volkswirt hatte ich am Samstag, dem 12.August 1961. Ich war 13 Jahre alt. Meine Eltern fuhren mit mir am Morgen in unserem Lloyd Alexander TS, den mein Vater kurz vorher stolz erstanden hatte, durch das Brandenburger Tor, um Tante Lieschen im Osten zu besuchen. Als wir am Nachmittag zurück wollten, war das Tor durch Militär versperrt. Stacheldraht wurde ausgerollt, und alles wirkte bedrohlich. Über eine andere Straße wurden wir zurück in den Westen geleitet. Am nächsten Tag machte ich mich selbständig noch einmal auf den Weg und lauschte den Protestreden westlicher Politiker. Ich ahnte nun, was Kommunismus ist.

          Wie magisch zog es mich später immer mal wieder nach Ost-Berlin, als ich meine Tanten in West-Berlin besuchte. Ich war neugierig, was sich dort tat, nachdem man sich eingeigelt hatte. Der Vergleich zwischen der DDR und der Bundesrepublik faszinierte mich und veranlasste mich, 1967 in Münster mit dem Studium der Volkswirtschaftslehre zu beginnen. Die Systemfrage war damals für mich interessant, aber nicht entschieden. Auf der einen Seite gab es die Studentenführer, die von der Anarchie der Märkte und der repressiven Toleranz des Kapitalismus sprachen, auf der anderen Seite meine Lehrer, die die unsichtbare Hand der Marktwirtschaft priesen.

          Es war eine bewegte Zeit. Ostermärsche, Vietnam-Demonstration, Dutschke, Nevermann, Salvatore und vieles andere zwangen uns Studenten und unsere Lehrer, sich mit revolutionären Thesen auseinanderzusetzen.

          Die Suche nach dem dritten Weg

          So klar es war, dass der russisch-stalinistische Kommunismus der DDR ins Abseits führen würde, so begeistert waren wir von Alexander Dubček und Ota Śik, die im Prager Frühling den Systemwechsel herbeiführen wollten. Ich war damals auch in Prag, um zu sehen, was da passierte. Als die Suche nach dem Dritten Weg durch russische Panzer abgebrochen und Dubček inhaftiert wurde, haben auch die Linken Protestdemonstrationen organisiert.

          Mit einem Mitarbeiter Śiks, Jan Osers, habe ich in der Mitte der siebziger Jahre an der Universität Mannheim ein Seminar zur Arbeiterselbstverwaltung organisiert. Dabei fuhren wir mit einer Studentengruppe nach Sarajevo, um die Funktionsweise der „jugoslawischen Firma“ zu erkunden. Dass diese Firma nicht funktionieren konnte, weil sie wegen der Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer zum Ausschluss neuer Arbeitskräfte neigte, ließ sich nicht übersehen. Schon lange vorher hatte sich freilich die Systemfrage für mich entschieden, nachdem ich die Hauptsätze der Wohlfahrtstheorie der Nobelpreisträger Arrow und Debreu verstanden hatte, die Adam Smiths Metapher von der unsichtbaren Hand der Märkte präzisierten. Ich hatte eingesehen, dass die Marktwirtschaft durch die Kombination erwerbswirtschaftlicher Motive mit dem Preismechanismus grundsätzlich in der Lage ist, ohne Zentralplanung eine effiziente Wirtschaftsordnung herbeizuführen, während die Zentralverwaltungswirtschaft das nicht einmal dann schafft, wenn sie die Arbeiter von der Stasi bewachen lässt. Zwangsherrschaft und Ineffizienz standen gegen Freiheit und Prosperität. Dieser Wahrheit konnte ich mich nicht verschließen.

          Gleichwohl blieb das Thema der großen Ungleichheit im marktwirtschaftlichen System ungelöst. Eine Marktwirtschaft ist zwar effizient, aber nicht gerecht, wie immer man die Gerechtigkeit im Einzelnen definieren mag. Sie entlohnt nach Grenzproduktivität, und das impliziert, dass das Einkommen bei gleicher Leistung von der Knappheit dieser Leistung abhängig ist. Tut man etwas Nützliches, das viele andere auch tun, ist das Einkommen klein. Hat man Glück und muss sich nur mit wenigen gleichwertigen Konkurrenten messen, ist es hoch.

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