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Geldpolitik : Wer Einwände formulierte, wurde geschnitten

Alan Greenspan (links) und Ben Bernanke Bild: ASSOCIATED PRESS

Kein Geldpolitiker hat jemals einen solchen Star- und Kultstatus erhalten wie Alan Greenspan zu seinen Glanzzeiten. Heute gilt seine Geldpolitik als eine der wichtigsten Ursachen der Finanzkrise. Auch sein Nachfolger Ben Bernanke kommt bei Kritikern nicht gut weg.

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          Mit dem Konzept der von der Regierung unabhängigen Zentralbank verband sich stets die Vorstellung, fachlich einwandfreie Geldpolitiker würden ihr Mandat verantwortungsbewusst ausüben. Das Modell hat sich insgesamt bewährt, ist aber nicht frei von jeglicher Schwäche. So warf der deutsche Ordoliberale Walter Eucken schon vor mehr als sechs Jahrzehnten die bange Frage auf, was eigentlich geschehen solle, wenn die autonom handelnden Geldpolitiker keine gute, sondern eine schlechte Geldpolitik betreiben würden.

          Euckens Frage wirkt aktuell mit Blick auf die Rollen von Alan Greenspan und Ben Bernanke an der Spitze der amerikanischen Zentralbank Fed. Gerade zu Greenspan ließe sich Schillers berühmter Satz über Wallenstein zitieren: "Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte." Kein Geldpolitiker hat jemals einen solchen Star- und Kultstatus erhalten wie der im Jahre 1926 geborene Greenspan zu seinen Glanzzeiten. Alles, was heute als falsch gilt (und damals bei Fachleuten eigentlich auch schon als falsch galt), wurde bei Greenspan über viele Jahre als Weisheit gepriesen. Dazu zählte die Neigung, sich nicht an einer nachvollziehbaren geldpolitischen Strategie zu orientieren, sondern an einem schwer nachvollziehbaren Empirismus.

          Statistiken in der Badewanne kontrolliert

          In wohl keinem zu seiner aktiven Zeit geschriebenen Porträt fehlt der Hinweis auf Greenspans tägliche Übung, in der Badewanne Statistiken zu studieren. Und während Fachleute die Geldpolitik dazu drängen, gegenüber der Öffentlichkeit klar zu kommunizieren, kokettierte Greenspan mit der Feststellung, er hätte etwas falsch gemacht, wenn man ihn verstünde. Solche Verhaltensweisen fand man lange Zeit toll - Greenspan wurde zu einem Magier der Geldpolitik verklärt. Die Veröffentlichung seiner Memoiren wurde zu einem internationalen Medienereignis.

          Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass Greenspan gegenüber dieser Heldenverehrung nicht immun geblieben ist. Kritik wurde fast zu einem Tabu. Wer auf der jährlichen Konferenz in Jackson Hole, zu der sich das internationale Establishment der Geldpolitik in den Rocky Mountains trifft, Einwände formulierte, wurde geschnitten. Europäische Kollegen Greenspans äußerten zwar hinter vorgehaltener Hand schwere Bedenken. (Originalzitat des Chefs einer europäischen Notenbank: "Wenn Greenspans Politik gutgeht, müsste man alle Lehrbücher der Geldpolitik umschreiben.") Aber öffentliche Kritik war innerhalb der "Bruderschaft der Zentralbanker" (Jean-Claude Trichet) undenkbar.

          Je größer die Höhe, umso tiefer der Fall. Heute gilt Greenspans Geldpolitik als eine der wichtigsten Ursachen der Finanzkrise. Die ihn früher feierten, verachten ihn nun, oder sie schweigen verlegen. Der alte Mann, der mit einer Verteidigungsschrift über die Geldpolitik der Jahre bis 2006 bestenfalls höfliches Interesse, aber kaum Zustimmung fand, ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Kürzlich pries er den Goldstandard des 19. Jahrhunderts als eine treffliche Währungsordnung. Der Goldwährung hatte er schon als junger Mann viel Sympathie gezeigt.

          Erleichterung bei Greenspans Abgang

          Als Greenspan im Jahre 2006 die Fed verließ, war fast ein wenig Erleichterung über den Abgang dieses übermächtigen und auch etwas undurchsichtigen Mannes zu spüren. Zumal ein hochqualifizierter Nachfolger bereitzustehen schien: Der 1953 geborene Ben Bernanke war einer der angesehensten monetären Ökonomen der Welt, und er hatte seit 2002 in der Führung der Fed geldpolitische Erfahrungen sammeln können. Anders als sein Vorgänger war Bernanke kein Mann des beeindruckenden öffentlichen Auftritts. Wo Bernanke auftauchte, erinnerte er an den seriösen, aber wenig aufregenden Princeton-Professor, der er lange Jahre gewesen war. Der Mann schien so unaufregend bürgerlich, dass ihm eine extreme Politik nicht zuzutrauen war.

          Und doch hat kein Präsident in der Geschichte der Fed eine derart extreme Politik betrieben wie Bernanke seit Ausbruch der Finanzkrise. Verständlich ist sie wohl nur unter der Annahme, dass viele Amerikaner vor einer Wiederkehr der Großen Depression so viel Angst haben könnten wie die Deutschen vor einer Wiederkehr der Inflation. Kennzeichnend hierfür war seine Versicherung gegenüber dem damals betagten (und mittlerweile verstorbenen) Nobelpreisträger Milton Friedman, er werde alles tun, damit es nicht zu einer Wiederholung der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre kommen werde. Friedman hatte diese Krise wesentlich durch eine nicht genügend expansiv ausgerichtete Geldpolitik ausgelöst gesehen, und Bernanke war in seinen Forschungen zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.

          Bernankes Festhalten an einer sehr expansiven Geldpolitik stößt auf wachsende Kritik. Das Ansehen der Fed, das in Amerika nie so groß war wie das Ansehen der Bundesbank in Deutschland, hat weiter gelitten. Zentralbanker sind keine Magier.

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