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Geldpolitik : Wachsende Zweifel am Jackson-Hole-Konsens

Beeindruckende Kulisse: Jedes Jahr kommen in Jackson Hole die wichtigsten Geldpolitiker zusammen Bild: AP

Einmal im Jahr treffen sich die wichtigsten Geldpolitiker der Welt in den Rocky Mountains. Am Wochenende ist es wieder soweit. Zur Diskussion stehen die ehernen Weisheiten der Fachwelt. Etwa der bisherige Konsens, dass Notenbanken nicht gegen spekulative Blasen auf Finanzmärkten vorgehen.

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          Abgeschiedenheit soll inspirierend wirken. Nach diesem Motto treffen sich in den kommenden Tagen die wichtigsten Geldpolitiker der Welt, namhafte Ökonomen sowie einflussreiche Banker zur jährlichen Konferenz der Federal Reserve Bank of Kansas, die seit Jahren in Jackson Hole in den Rocky Mountains stattfindet. Gesprächsstoff für die Konferenz, auf der Wissenschaftler Forschungspapiere vortragen, die dort diskutiert werden, gibt es genug: Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat die Geldpolitik vor neue Herausforderungen gestellt.

          Das diesjährige Thema der Konferenz lautet "Finanzstabilität und gesamtwirtschaftliche Politik" und behandelt unter anderem die Rolle von Geld- und Finanzpolitik in Krisen. Vortragen werden erfahrene Vertreter der Zunft wie die Professoren Charles Goodhart und Kenneth Rogoff. Unter anderem werden sich die Geldpolitiker in Jackson Hole fragen müssen, wie sie es mit dem "Jackson-Hole-Konsens" halten wollen: Das ist die von vielen, vor allem amerikanischen Fachleuten geteilte Auffassung, eine Notenbank solle nicht versuchen, spekulative Blasen auf Finanz- oder Immobilienmärkten rechtzeitig zu identifizieren und gegen sie vorgehen zu wollen.

          „Theorie der effizienten Märkte“ hat Geldpolitiker über 30 Jahre beeinflußt

          Niemand Geringerer als der frühere Präsident der amerikanischen Notenbank Fed, Alan Greenspan, hatte diese Marschrichtung vorgegeben, unter anderem in einem Vortrag in Jackson Hole im Jahre 2002. Argumente für eine solche Position ließen sich leicht finden. Zum einen hatte seit mindestens 30 Jahren die wesentlich in Chicago ausgearbeitete Theorie der effizienten Märkte Ökonomen und Geldpolitiker beeinflusst. Demnach waren Finanzmärkte hocheffizient, was bedeutete, dass man nicht in sie eingreifen durfte. Für dieses Argument besaßen vor allem Liberale viel Sympathie. Erst während dieser Finanzkrise gab Greenspan zu, sich in dieser Hinsicht geirrt zu haben.

          Nun war auch vor der Krise schon lange bekannt, dass die Finanzmärkte nicht so effizient waren, wie von den Anhängern der Effizienzthese behauptet, aber daraus folgte für die Anhänger des "Jackson-Hole-Konsens" nicht, dass die Politik über das Wissen verfügte, um sinnvoll einzugreifen. Diese Haltung manifestierte sich in dem Satz: "Eine spekulative Blase erkennt man erst dann, wenn sie platzt." Greenspan selbst hatte in den neunziger Jahren einmal von "irrationale Übertreibungen" am Aktienmarkt gesprochen. Aber die Ansicht war, dass der Markt diese Überbewertungen schon von selbst korrigieren würde.

          Und wem dies noch nicht reichte, für den hatte Greenspan ein letztes Argument gegen frühzeitige Eingriffe der Notenbanken parat: Man werde die Leitzinsen sehr stark erhöhen müssen, um eine in vollem Schwung befindliche Hausse an den Finanzmärkten zu beeinflussen. Diese Zinserhöhungen könnten die Wirtschaft in die Rezession führen, gab Greenspan zu bedenken. Weniger kostspielig wäre es, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Deutsche Ökonomen berichten, dass ihre amerikanischen Kollegen in großer Mehrheit auch angesichts der Erfahrungen mit der aktuellen Krise an dieser Ansicht immer noch festhielten.

          Auf der sicheren Seite steht, wer den Positionen der Fed zustimmt

          Die Konferenz von Jackson Hole führt Praktiker und Theoretiker zusammen, und gerade unter den Professoren finden sich Vertreter unterschiedlicher Ansichten. Aber auf der sicheren Seite befindet sich, wer den Positionen der Fed zustimmt. Im Jahre 2003 trug der Chef-Volkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), William White, ein Papier vor, in dem der "Jackson-Hole-Konsens" in Frage gestellt und die Notenbanken aufgerufen wurden, sich genauer mit den Risiken an den Finanzmärkten zu befassen. Der Diskutant Mark Gertler, ein amerikanischer Mainstream-Ökonom, zerpflückte das Papier in der Luft, und obwohl White von einzelnen Teilnehmern Zuspruch erfuhr, fühlte er sich doch eiskalt abserviert. Greenspan schnitt White demonstrativ während des Rests der Veranstaltung.

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