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Gastbeitrag : Marktwirtschaft gibt es nicht ohne Haftung

  • -Aktualisiert am

Begründer des Ordoliberalismus: Die Post widmete dem Freiburger Ökonomen Walter Eucken 1991 eine eigene Briefmarke Bild:

Amerikanische Ökonomen lesen in der Regel keine deutsche Fachliteratur. Wie schade! Sie hätten bei Walter Eucken nachlesen können, dass eine Marktwirtschaft ohne das Prinzip „Haftung“ nicht funktionieren kann. Wenn das Prinzip in der Finanzwelt nicht reaktiviert wird, werden auch die schärfsten Kontrollen nichts nutzen.

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          Für Joseph E. Stiglitz, Träger des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaft, hat uns das Jahr 2009 klargemacht, warum Adam Smiths „unsichtbare Hand“ unsichtbar bleibe; es gebe sie gar nicht. Märkte tendierten ohne angemessene Regulierung zu Exzessen. Das eigennützige Streben der Banker führe nicht zum Wohl der Gemeinschaft. So hat es Stiglitz in einem Aufsatz verkündet, der zum Jahresende über das Project Syndicate auf der ganzen Welt verbreitet wurde. Darin diagnostiziert er krasses Marktversagen.

          Amerikanische Ökonomen lesen in der Regel keine deutsche Fachliteratur. Auch Joseph Stiglitz nicht. Er hätte sonst bei Walter Eucken nachlesen können, dass das Prinzip „Haftung“ ein konstituierendes Prinzip einer marktwirtschaftlichen Ordnung ist und dass sie ohne dieses Prinzip nicht angemessen funktionieren kann. Markt heißt Austausch von Leistungen. Markt heißt weiter: Unternehmer müssen für ihre Entscheidungen geradestehen. Die entsprechende Feststellung Euckens klingt so, als ob er die Finanzkrise vorhergesehen hätte: „Investitionen werden umso sorgfältiger gemacht, je mehr der Verantwortliche für diese Investitionen haftet. Die Haftung wirkt insofern also prophylaktisch gegen eine Verschleuderung von Kapital und zwingt dazu, die Märkte vorsichtig abzutasten. Nur bei fehlender Haftung kommt es zu Exzessen und Zügellosigkeit.“

          Wo die Therapie ansetzen muss

          Wenn Banker Banken gegen die Wand fahren, werden sie nach Maßgabe der ausgehandelten Vertragsbedingungen entlassen. Die Boni aufgrund riskanter, nur kurzfristig erfolgreicher Investitionen bleiben ihnen aber erhalten. Oft erhalten sie noch eine großzügige Abfindung, wenn der Vertrag vorzeitig aufgelöst wird. Damit haften sie nicht für die von ihnen angerichteten Schäden. Das weiß auch Stiglitz. Er zählt perverse Anreizsysteme zu den Gründen für Marktversagen: „Wenn sie zockten und gewannen, strichen sie die Profite ein; wenn sie verloren, mussten die Steuerzahler einspringen.“

          Joachim Starbatty

          „Moral hazard“ – am besten zu verstehen als die Einstellung „nach mir die Sintflut“ – hat es in den Vereinigten Staaten seitens der Hypothekenschuldner, der Kreditmakler, der verbriefenden Banken und der Rating-Agenturen gegeben. Die Therapie muss bei der Beseitigung des Moral-Hazard-Verhaltens einsetzen, indem modifizierte Spielregeln das konstituierende Prinzip „Haftung“ wieder zur Geltung bringen.

          Stiglitz zählt auch unvollkommene Informationen zu den Gründen für Marktversagen, doch sind sie auf Märkten der Normalfall. Wird dezentral produziert und konsumiert, sind die Akteure mit Risiken konfrontiert, besonders in der Finanzwelt. Daher sind Rating-Agenturen entstanden; sie informieren über Ausfallwahrscheinlichkeiten bei Finanztransaktionen. Auch hier kommt es zu „moral hazard“, wenn Beratung und Bewertung nicht getrennt sind. Ferner tritt – insbesondere bei der Marktform des Oligopols – das Problem der „Grenzmoral“ auf: Wenn mein Konkurrent für bestimmte Verbriefungen ein „AAA“ vergibt, warum soll ich mir dann das Geschäft entgehen lassen? So kam es paradoxerweise wegen der Orientierung an den Einschätzungen der Rating-Agenturen, um die Unsicherheit bei Finanztransaktionen zu mindern, zu „Klumpenrisiken“, weil die Banken sich allesamt auch auf solche Triple A-Papiere stürzten, die sich schließlich als „Schrott“ herausstellten.

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