https://www.faz.net/-gqe-7j742

Gastbeitrag Hans-Werner Sinn : Wen schützt der Rettungsschirm der EZB?

  • Aktualisiert am
Alles gut? Am Ende des langen Produktionsprozesses werden Euroscheine für die Verpackung vorbereitet.
Alles gut? Am Ende des langen Produktionsprozesses werden Euroscheine für die Verpackung vorbereitet. : Bild: AFP

Hinter dem Aufbau der deutschen Target-Forderungen, der gleichwohl stattfand, steht nicht die Tilgung deutscher Kredite durch Ausländer, wie Fratzscher vermutet, sondern der Nettoexport von Gütern, die mit frischem Kreditgeld aus den ausländischen Druckerpressen bezahlt wurden. Der akkumulierte deutsche Leistungsbilanzüberschuss in den Jahren 2008 bis 2012, der 798 Milliarden Euro betrug, war zu drei Vierteln (585 Milliarden Euro) Target-finanziert, und 183 Milliarden Euro entfielen auf einen Nettokapitalexport in Form privater oder fiskalischer Mittel. Dabei handelt es sich um den erwähnten privaten Nettokapitalexport in Höhe von 170 Milliarden Euro und einen kleinen Posten öffentlichen Kredits in Form des ersten Griechenland-Pakets. (In welchem Umfang private deutsche Institutionen die Wertpapiere der fiskalischen Rettungseinrichtungen gekauft haben, ist nicht bekannt. Ein solcher Kauf zählt zum privaten Kapitalexport.) Es war damit die Bundesbank, die den Löwenanteil der deutschen Leistungsbilanzüberschüsse durch den Verleih ihrer Druckerpresse kreditiert hat. Im Umfang ihrer Kreditvergabe an die anderen Notenbanken des Eurosystems landeten die Ersparnisse der Deutschen, die sich in den Leistungsbilanzüberschüssen widerspiegeln, statt in ausländischen marktfähigen Anlageportfolios bei ihr selbst. Die deutschen Banken tilgten die Refinanzierungskredite, die sie von der Bundesbank bezogen hatten, und füllten ihre dortigen Termindepositen.

Dass Deutschlands Target-Forderungen durch die Leistungsbilanzüberschüsse zustande kamen, heißt nicht zwangsläufig, dass auch der Aufbau der Target-Schulden der Krisenländer im gleichem Umfang durch deren Leistungsbilanzdefizite erklärt wird, denn hinter dem Aufbau der deutschen Target-Forderungen steht eine Vielzahl komplexer Geschäftsstrukturen, an denen viele Länder beteiligt sind. Während der Nexus zwischen Leistungsbilanz und Target-Schulden bei Griechenland und Portugal sehr eng ist, steht bei Spanien, Italien und vor allem Irland Kapitalflucht im Vordergrund, die aber nicht speziell nach Deutschland ging. So haben die Druckerpressen dieser Länder zum Beispiel auch den britischen Investoren zur Flucht verholfen, die daraufhin in der Lage waren, Amerikanern Kredit für den Kauf deutscher Autos zu gewähren. In diesem Fall entstanden Target-Schulden in den Krisenländern und Target-Forderungen bei der Bundesbank, ohne dass es zu Kreditrückflüssen nach Deutschland kam. Die Bundesbank mag dann mit ihren Target-Krediten zwar Fluchthelfer gewesen sein, aber nicht für deutsche Investoren, sondern für solche aus Drittländern.

Weitere Themen

Topmeldungen

Klimaaktivisten von Fridays for Future auf einer Demonstration im September in Frankfurt

Hanks Welt : Mehr Diktatur wagen?

Sollen wir unsere ordnungspolitischen Prinzipien über Bord werfen und den Klimawandel so autoritär bekämpfen wie die Pandemie?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.