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Finanzkrisen : Die Geschichte wiederholt sich nicht

Wall Street, 24. Oktober 1929 - innerhalb weniger Tage verloren Millionen Amerikaner ihr Vermögen, die Panik griff weltweit auf die Börsenplätze über. Bild: AP

Die Kurse an den Börsen rund um die Welt brechen ein, große Banken taumeln. Wiederholt sich die Weltwirtschaftskrise von 1929? Wirtschaftshistoriker betonen die Unterschiede der jetzigen Finanzkrise zu den dreißiger Jahren.

          Die Kurse an den Börsen rund um die Welt brechen ein, große Banken taumeln. Verzweifelt versuchen die Regierungen, mit Garantieerklärungen das Finanzwesen zu stabilisieren. Ängstliche Gemüter sehen eine Wiederholung der Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre kommen. Es gibt erschreckende Parallelen. Doch Ökonomen betonen, dass sich die heutigen Verhältnisse von den damaligen erheblich unterscheiden.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Wir haben eine völlig andere Lage der Notenbanken“, sagt der Wirtschaftshistoriker Christoph Buchheim von der Universität Mannheim. „Die damaligen Währungen waren alle an den Goldstandard gebunden, daher konnten die Zentralbanken nicht spontan Liquidität schaffen, um den Banken zu Hilfe zu eilen.“ Der amerikanische Ökonom Barry Eichengreen hat dies als „goldene Fesseln“ bezeichnet.

          Bankenkrise mit Vorboten

          Je mehr Kapital aus Deutschland abfloss, desto stärker musste die Reichsbank die Geldmenge einschränken, erklärt Buchheim, der daran erinnert, dass der Bankenkrise von 1931 zwei Jahre scharfe Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit und einen allgemeinen Verfall der Güterpreise von mehr als 25 Prozent vorausgingen.

          Auch der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser von der Universität Bielefeld betont, dass die Bankenkrise damals Folge eines schweren realwirtschaftlichen Einbruchs war. „Ab 1928/1929 hatten wir einen Abschwung, diese Krise erreichte dann Anfang 1931 die Banken.“ Eine der vier damaligen Großbanken, die Berliner Danat-Bank, kam in eine Schieflage, als im Mai 1931 die mit ihr verflochtene Wiener Creditanstalt pleiteging und wenig später ein norddeutsches Textilunternehmen Konkurs anmeldete. Es kursierten Gerüchte, dass auch die Danat zahlungsunfähig sei. Dies löste im Juli 1931 einen „Run“ auf das Kreditinstitut aus: Sparer und Anleger wollten ihr Geld abheben.

          Extremes Misstrauen verschärfte die Krise

          „Die anderen Großbanken wollten die Danat nicht retten, sie freuten sich sogar insgeheim, dass ein Konkurrent unterging“, sagt Abelshauser. Wenig später erfasste die Vertrauenskrise alle deutschen Banken, vor den Schaltern bildeten sich lange Schlangen. Die Regierung sah keinen anderen Ausweg, als die Banken zu schließen. Es gab „Bankfeiertage“, während derer der gesamte Zahlungsverkehr ruhte. Um die Banken zu retten, entschloss sich die Regierung von Heinrich Brüning zur Verstaatlichung der mit der Dresdner Bank fusionierten Danat-Bank, indem das Reich die Aktienmehrheit übernahm. Auch die Commerzbank wurde zwangsfusioniert, ging in Staatseigentum über und wurde erst 1937 privatisiert.

          „Verschärft wurde die Bankenkrise in den dreißiger Jahren dadurch, dass es zwischen den nationalen Zentralbanken und den Regierungen ein extremes Misstrauen gab“, erklärt Abelshauser. So wollte Frankreich Hilfskredite an die Bedingung knüpfen, dass es keine deutsch-österreichische Zollunion gebe. Das Misstrauen lähmte die Versuche zu einer koordinierten Lösung der Krise. „Heute ziehen sie alle an einem Strang“, sagt Abelshauser.

          Die Rolle des Staates hat sich gewandelt

          „Die Wirtschaftspolitik hat aus den damaligen Fehlern gelernt“, sagt Buchheim. „Heute stemmen sich die Zentralbanken und die Regierungen gemeinsam gegen die Krise.“ Er schätzt, dass die staatliche Garantie für die Einlagen die Bürger beruhigen wird. „Mit dem Staat assoziiert man einen sicheren Hafen, der Bund ist solvent“, sagt Buchheim. Die Garantie werde den Steuerzahler auch nichts kosten, wenn damit ein „Run“ auf die Banken verhindert werde. Abelshauser betont, dass der Staat sich in der heutigen Krise handlungsfähig zeige. „Damals hatten wir zusätzlich eine Staatskrise.“

          Derzeit bestätige sich, dass der Nationalstaat nicht überholt sei. Er zitiert den Staatsrechtler Carl Schmitt: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ Jetzt habe die Bundesregierung über den Ausnahmezustand entschieden. Abelshauser sieht aber eine neue Herausforderung am Horizont. Auf die Bankenkrise von 1931 folgte bald das Zerbrechen des Weltwirtschaftssystems, als Großbritannien den Goldstandard aufgab und sich auf den Markt des Commonwealth konzentrierte. Zuvor hatte sich schon Amerika hinter Zollmauern verschanzt, worauf sich protektionistische Handelsblöcke bildeten. Im gegenwärtigen Wahlkampf in Amerika sehe er ähnliche Tendenzen.

          Wirtschaftshistoriker betonen Unterschiede der jetzigen
          Finanzkrise zu der großen Weltwirtschaftskrise der
          dreißiger Jahre.

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