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Experten : Die 30-Sekunden-Problemlöser

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Fachleute gibt es viele. In den Medien tauchen aber immer wieder dieselben Gesichter auf: jene, die in wenigen Sätzen Probleme erklären und lösen können. Ihre öffentliche Popularität steigt dadurch, ihr Ansehen unter Kollegen nicht.

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          Angespannte Gesichter im Frankfurter Börsensaal. Noch größer als sonst ist der Druck auf die Händler. Es ist die heiße Phase der Finanzkrise. Die Aktienindizes befinden sich im freien Fall, ein Rettungspaket in dreistelliger Milliardenhöhe für die Banken ist geschnürt worden. Wolfgang Gerke betritt das Parkett. Der Professor für Bankbetriebslehre, kurzes weißes Haar, feingestutzter Schnauzbart, rote Fliege und passendes Stecktuch in der Anzugtasche, ist derzeit viel gefragt: „Es gibt Tage, da habe ich mehr als 200 Anfragen auf meiner Mailbox. Und wer etwas von Wirtschaft versteht, hat gute Chancen, dass ich ihn zurückrufe – selbst wenn er von einer Regionalzeitung kommt.“ Seine 14-Stunden-Tage sind momentan ganz von den Bedürfnissen der Medien bestimmt, auch die Sonntagswanderung musste ausfallen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          In dieser Woche ist der VW-Kurs bis auf 1000 Euro gestiegen. Spekulanten, die auf einen fallenden Kurs setzten, hatten sich verrechnet; die Deutsche Börse hat daraufhin das Gewicht der VW-Aktie im Aktienindex Dax auf zehn Prozent begrenzt: viele offene Fragen an einen Börsenspezialisten. Ein Kameramann richtet das Bild auf die Kurstafel aus, die für VW immer noch einen Wert von rund 500 Euro je Aktie ausweist. Wolfgang Gerke faltet die Hände vor dem Rumpf, konzentrierter Blick, neutrale Miene – souveräne Fernsehpose. „Hätte die Börse nicht früher einschreiten müssen?“, fragt ihn die junge Journalistin.

          Knappe 45 Sekunden Zeit nimmt sich Gerke für die Antwort. Hinterher hat man verstanden, dass die Börse zu spät eingeschritten sei, zu wenig getan habe gegen den Eindruck, es habe sich eine Kasinomentalität breitgemacht. Kurze Antworten, klare Botschaften. Trotzdem ist Gerke unzufrieden: „Ich fand mich zu ausschweifend. Soll ich noch mal?“ Nach dem zweiten Versuch ist er einverstanden mit sich: gleiche Botschaft, aber in 30 Sekunden alles untergebracht. Nun warten die Kollegen von RTL auf sein Statement, auch sie haben ihre Kamera schon auf die Kurstafel ausgerichtet.

          Kennt die Autobranche: Ferdinand Dudenhöffer

          Eloquent, zitierfähig und fernsehgerecht

          Es gibt in Deutschland Experten, die in Nachrichtenredaktionen fest für ein Thema gebucht sind. Beherrscht ein Problem aus ihrem Fachgebiet die Berichterstattung, liefern sie schnelle Antworten: eloquent, zitierfähig, fernsehgerecht knapp und mit dem Mut, Umstrittenes zu vertreten. Was für Banken und Börse Wolfgang Gerke ist, der Präsident des Bayerischen Finanzzentrums, ist für das Thema Klima und Energie Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Und für Aussagen über den Automobilmarkt wendet sich eine breite Allianz von Zeitungen über Rundfunk bis zum Fernsehen an Ferdinand Dudenhöffer, der kürzlich von der Fachhochschule Gelsenkirchen an die Universität Duisburg-Essen gewechselt ist.

          Sie sind zu ständigen Begleitern des Publikums geworden. Als Erklärern komme ihnen eine bedeutsame Aufgabe zu, meint Siegfried Weischenberg, Journalistik-Professor an der Universität Hamburg: „Der Experte hat die Funktion, hochkomplexe Zusammenhänge zu reduzieren. Gerade im wirtschaftlichen Bereich ist das extrem wichtig, weil vielen selbst die regelmäßige Lektüre des Wirtschaftsteils nichts nützt.“

          Allgemeinverständlich – so will Claudia Kemfert ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse darstellen. „Sinkende Energiepreise sind ein echtes Konjunkturprogramm“, so zitiert sie die „Bild“-Zeitung. In diesem Herbst hat sie ihr Buch „Die andere Klima-Zukunft“ veröffentlicht. Es enthält unter anderem die Aufforderung an den Leser, täglich 70 Cent für den Klimaschutz auszugeben. Halte sich jeder Deutsche daran, entspreche das aufs Jahr gerechnet dem Wert der Emissionsrechte für den gesamten Ausstoß an Kohlendioxid.

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