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Essay : Das Janusgesicht der Staatsschulden

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Könnte das private Kapitalangebot im Inland untergebracht werden, wenn der Staat kein Kapital nachfragen würde? Heute beläuft sich dieses private Vermögen (real) auf ungefähr das Vierfache des jährlichen Konsums. Das ist das Ergebnis einer Investitionstätigkeit in einer Periode überwiegend niedriger Realzinsen, die seit längerem anhält. Investitionen sind immer mit Risiko verbunden. Unternehmen investieren nur, wenn sie sich eine Rendite erhoffen, die wesentlich über null liegt. Der Spielraum weiterer Zinssenkungen ist bei Preisstabilität eng begrenzt. Denn die Nominalzinsen können nicht unter null fallen. Für das vorhandene hohe Kapitalangebot sehe ich daher keine spürbare zusätzliche Aufnahmefähigkeit in der Güterproduktion.

Der Wettlauf um die Reduktion der Defizite könnte in Depression enden

Mit anderen Worten: Die Theorie, nach der private Investitionen durch staatliches Schuldenmachen verdrängt werden (Crowding-out), ist heute für Deutschland nicht mehr gültig. Sie wäre gültig, wenn wir hohe reale Zinssätze hätten, die dazu dienten, dem privaten Sektor den Zugang zum Kapitalangebot zu erschweren, um so den Verkauf von staatlichen Schuldtiteln zu ermöglichen. Bei hinreichender Kundschaft und hinreichendem Eigenkapital hat in unserem Bankensystem der Unternehmer keine Schwierigkeiten, Investitionen auf dem Kreditwege zu finanzieren. Ein unzureichendes Angebot an Ersparnissen ist angesichts der oben behandelten Vorsorge nie der Grund für ein Scheitern von Investitionsplänen im Inland. Eine Verringerung der Staatsverschuldung führt somit in Deutschland nicht zu mehr Realkapital.

Das Gegenteil ist zu befürchten. Eine Finanzpolitik extremer Sparsamkeit wird zu Kürzungen der öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur führen. Die Verkehrswege werden vernachlässigt, die Schulgebäude bleiben angesichts desolater kommunaler Finanzen in ihrem schlechten Zustand. Die von der öffentlichen Hand zu verantwortenden Engpässe beim Ablauf des normalen wirtschaftlichen und sozialen Lebens werden immer schmerzlicher - auf Kosten künftigen Wirtschaftswachstums und künftiger Steuereinnahmen.

Eine Reduktion der Staatsverschuldung führt zu einem erhöhten Kapitalexport. Die den geringeren staatlichen Defiziten entsprechenden inländischen Nachfrageausfälle werden die Exporte stimulieren und die Importe dämpfen. So kann durch Sparen im Inland mehr Auslandsvermögen angesammelt werden. Doch hat diese Rezeptur volkswirtschaftlicher Vermögensmehrung einen Pferdefuß, der durch die Griechenland-Krise sichtbar geworden ist. Wie sicher ist Auslandsvermögen? Für rationale private Vermögensanlagen im Ausland kommt nur die Gruppe der reichen Länder in Frage oder aber China. All diese Länder haben eine ähnliche Demographie wie Deutschland. Die Lebenserwartung liegt ähnlich hoch, selbst in China. Die Dauer des Altersruhestands ist ähnlich hoch. Die Bereitschaft, Vermögen an Kinder zu vererben, steht derjenigen in Deutschland gar nicht oder nur wenig nach. Auch diese Länder haben daher eine ähnliche Sparperiode wie Deutschland und somit einen Überhang des privaten Vermögens.

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