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Essay : Das Janusgesicht der Staatsschulden

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Staatliches Schuldenmachen verdrängt private Investitionen in Deutschland nicht

Betrachten wir das explizite und implizite Vermögen in Form von angesparten Ansprüchen eines aktiven Arbeitnehmers oder eines Rentners in der gesetzlichen Rentenversicherung. Es gibt eine Daumenregel, die ich hier nicht weiter erläutern kann: Im Mittel der Alterskohorten entspricht dieses Vermögen einer Sparperiode, die gleich der Hälfte der durchschnittlichen Rentenbezugsdauer ist, also einer Sparperiode von achteinhalb Jahren. Diese Sparperiode enthält die Rentenansprüche aus geleisteten Beiträgen (auch derjenigen der Arbeitgeber). Ferner enthält sie das Anspruchsvermögen an das Gesundheitssystem: Die Krankenkassenbeiträge verursachen eine hohe implizite "Ansparung" für das Alter, denn sie sind ja bei Berufstätigen nicht altersabhängig, obwohl die Krankheitskosten stark altersabhängig sind. Auch die Beiträge zur Pflegeversicherung sind zu einem großen Teil angesparte Ansprüche der Versicherten. Schließlich ist auch das System der Sozialhilfe zum Teil eine Art impliziter Ansparung gegen das Risiko der Altersarmut. Dazu kommt die private Ersparnis dieser Bevölkerungsgruppe.

Mit anderen Worten: Würden unsere Sozialversicherung und unsere Sozialhilfe insgesamt nach dem in der Privatversicherung üblichen Kapitaldeckungsverfahren arbeiten, dann verfügten sie zur Abdeckung ihrer künftigen Verpflichtungen gegenüber den Versicherten über einen Kapitalstock, der zusammen mit den privaten Ersparnissen der Versicherten rund das Achteinhalbfache des jährlichen Konsums der Versicherten ausmacht.

Bei den Teilen der Bevölkerung, die nicht der gesetzlichen Rentenversicherung angehören, kann mit derselben Daumenregel das Vermögen zum Zweck der Altersvorsorge berechnet werden. Es handelt sich um Unternehmer, Freiberufler, höhere Angestellte und Beamte, Letztere mit beträchtlichen Pensionsansprüchen. Neben der Vorsorge für das eigene Alter (und das der Ehepartner oder Lebensgefährten) wird Vermögen vererbt. Erben spielt in Deutschland eine große Rolle. Unternehmervermögen zum Beispiel wird zu einem erheblichen Teil an Kinder vererbt oder in Stiftungen eingebracht. Beamte und höhere Angestellte vererben vielfach Wohnimmobilien ohne Grundschulden, dazu Finanzvermögen. Daher entspricht für diese Bevölkerungsschicht das Vermögen nach meiner Schätzung rund dem Zwölffachen des dieser Schicht zurechenbaren jährlichen privaten und staatlichen Konsums. Hier umfasst die Sparperiode somit rund zwölf Jahre.

Insgesamt kommen wir damit auf einen Durchschnitt für das explizite und implizite private Vermögen aus Vorsorgegründen und aus Vererbungsgründen, das sich größenordnungsmäßig auf eine Sparperiode von zehn Jahren beläuft. Das Wichtige an dieser Erklärung des privaten Vermögens ist, dass diese Sparperiode von zehn Jahren eine Art "Strukturparameter" ist, der nicht ohne massive Eingriffe in den Sozialstaat oder die bürgerliche Sozialstruktur unserer Gesellschaft geändert werden kann. Um diese zehn Jahre Sparperiode wesentlich zu verringern, müsste man entweder tiefe Einschnitte in die sozialstaatliche Altersvorsorge vornehmen oder für die bessergestellten Schichten die private Vorsorge und das Vererben unmöglich machen, sei es durch Besteuerung oder auf anderem Wege. Beide Schritte kämen letztlich einer Destabilisierung unserer marktwirtschaftlich-demokratischen Gesellschaftsordnung gleich.

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