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Erklär mir die Welt (71) : Warum liegen die Konjunkturprognosen oft daneben?

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Wirtschaft auszurechnen ist schwer. Weil die Menschen sprunghaft sind. Und weil Innovationen und Schocks die Welt verändern. Problematisch ist vor allem: Jede Prognose beeinflusst das Verhalten der Menschen - und kann sich so wieder selbst ad absurdum führen.

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          Joseph versprach fette und magere Jahre. Propheten verkündeten Blitz und Donner. Wahrsager lassen die Kugel rollen. Hellseher schließen gedankenschwer die Augen. Immer schon wollten Menschen voraussagen, wie die Zukunft werden wird. Das wollen auch die Konjunkturforscher.

          Internationale Organisationen wie die OECD oder der Internationale Währungsfonds (IWF), der Sachverständigenrat oder die Wirtschaftsforschungsinstitute legen regelmäßig ihre Prognosen vor. Und ebenso regelmäßig wird dann über Präzision, Sinn und Unsinn, Möglichkeiten und Grenzen von Prognosen diskutiert.

          Alles schien berechenbar

          Die Konjunkturforscher hätten ein einfaches Leben, wenn sie klüger wären als andere. Wüssten sie mit vollständiger Sicherheit, wie sich Menschen in Zukunft verhalten und wie alles mit allem zusammenhängt, wären gute Prognosen nur eine Frage von leistungsfähigen Rechenmaschinen. Eine kurze Zeitlang glaubte man in der Nachkriegszeit tatsächlich, man sei dem Stein der prognostischen Weisheit nahe. Dafür sorgten die makrodynamischen Konjunkturmodelle der keynesianischen Theorie, die Erkenntnisse der damals noch jungen Ökonometrie und die gewaltigen Fortschritte der ersten Computer.

          Alles schien berechen- und pro-gnostizierbar und damit auch politisch steuerbar. Konjunkturprognosen sollten die quantitativen Vorgaben liefern, um im Rahmen einer antizyklischen Globalsteuerung der Wirtschaft mit geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen für Vollbeschäftigung, Preisniveaustabilität, Wirtschaftswachstum und eine ausgeglichene Handelsbilanz zu sorgen. Selbst der junge Nationalökonom Herbert Giersch dachte damals: „Wenn wir nur genug über Konjunkturtheorie wüssten, können wir den Zyklus glätten.“

          Nicht allwissend

          Die Stagflation der späten sechziger Jahre und die Rezession der frühen siebziger Jahre dämpften die Euphorie in die konjunkturpolitische Steuerbarkeit. Der Monetarismus und die Theorie rationaler Erwartungen führten zu einer weit bescheideneren Erwartung in die Leistungsfähigkeit der Konjunkturpolitik. Es wurde überdeutlich, dass Volkswirte und Politiker nicht allwissend sind. Das Verhalten der Menschen ändert sich zu sprunghaft. Zwischenmenschliche Beziehungen sind zu vielfältig und zu dynamisch. Die meisten Störungsquellen sind weder frühzeitig erkennbar noch rechtzeitig erfassbar.

          Innovationen sorgen für neue Möglichkeiten, die niemand voraussagen kann. Schocks und Krisen verringern den Handlungsspielraum. Die ungeheure Komplexität und die evolutorische Dynamik der wirtschaftlichen Wirklichkeit lässt sich somit bestenfalls in Umrissen abbilden. Das ist nicht wenig. Es ist aber nicht so viel, wie man sich gemeinhin von „guten“ Prognosen erhoffen mag.

          Durch Instabilität und Zufälligkeiten geprägt

          Konjunkturprognosen sollen Ungewissheit verringern. Sie sollen aufzeigen, wie sich die Welt verändern könnte, nicht, wie sie sich verändern wird. Es geht um Wahrscheinlichkeiten, nicht um Gewissheit. Konjunkturprognosen gelten nur unter bestimmten Annahmen und nur so weit, wie die gemachten Annahmen und Erwartungen auch in Erfüllung gehen. Viele Einflussfaktoren bleiben völlig unbekannt. Andere sind nur begrenzt vorhersehbar. Manche werden falsch eingeschätzt. Die meisten sind durch Instabilität und Zufälligkeiten geprägt. Deshalb sind Prognosefehler der Normalfall. Punktgenauigkeit bleibt Zufall.

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