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Erklär mir die Welt (67) : Warum gibt es nur so wenige Kinder?

  • -Aktualisiert am

2006 sind in Deutschland so wenig Kinder geboren worden wie nie zuvor Bild: dpa

Ein Baby kostet Zeit und Geld. Die Kosten-Nutzen-Rechnung geht seit Jahren nicht mehr auf. Das könnte sich aber schon bald ändern, wenn die Menschen angesichts der schwächelnden gesetzlichen Rentenversicherung begreifen, dass ihre beste Investition für die Alterssicherung Kinder sind.

          Im vergangenen Jahr sind in Ost- und Westdeutschland so wenige Kinder geboren worden wie nie zuvor: 672.000. Das ist ein neues Rekordtief. 1990 waren es noch mehr als 900.000, ganz zu schweigen von den fünfziger Jahren. Damals kamen schon allein in Westdeutschland jährlich mehr als 1,1 Millionen Kinder zur Welt.

          Um die Bevölkerung langfristig konstant zu halten, wären im Durchschnitt 2,1 Kinder pro Frau notwendig. Dies gelingt jedoch bereits seit 1973 nicht mehr. Inzwischen sind es nur noch 1,33 Kinder je Frau. Das ist auch im internationalen Vergleich sehr wenig. Wenn nichts geschieht, wird die Bevölkerungszahl in Deutschland bis 2050 von 82 Millionen auf weniger als 75 Millionen sinken. Es wird dann doppelt so viele 60-Jährige wie Neugeborene geben. Das hat fatale Folgen vor allem für die sozialen Sicherungssysteme: Immer weniger Beitragszahler müssen immer mehr ältere Menschen finanzieren.

          Effekt der Familienpolitik ist gering

          Der Geburtenrückgang ist zwar in Deutschland besonders stark, aber er zeigt sich auch in vielen anderen Ländern. Dabei gilt mit wenigen Ausnahmen: Je höher der Lebensstandard ist, desto niedriger ist die Geburtenrate. Während eine Frau in den ärmsten Entwicklungsländern noch 4,8 Kinder gebärt, sind es in den Industrieländern im Durchschnitt nur noch 1,6 Kinder. Man bezeichnet diesen Zusammenhang auch als das demographisch-ökonomische Paradoxon. Ganz am Ende der Skala liegen neben Deutschland auch Italien und Spanien, während Frankreich, Amerika und Irland die bestanderhaltende Rate von 2,1 nur knapp verfehlen.

          Es gibt verschiedene Erklärungsansätze für die Höhe der Geburtenrate. Sie ist zum Beispiel nachweislich höher bei religiösen Personen. Die Bereitschaft zum Kinderkriegen sinkt andererseits, wenn stark traditionalistische Familienmodelle in Konflikt mit den Anforderungen an eine ökonomisch aufstrebende, moderne Gesellschaft geraten. Auch ein Einfluss der Familienpolitik auf die Geburtenrate ist nachweisbar, aber er scheint geringer zu sein, als viele Politiker glauben. So hat die Einführung des Erziehungsgeldes und der Anrechnung von Erziehungszeiten in der Rentenversicherung im Jahr 1986 nur einen geringen und vor allem nur einen vorübergehenden Effekt auf die Geburtenrate gehabt.

          Kinder sind eine Investition der Eltern

          Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg erklärt das damit, dass solche Leistungen schon bald als selbstverständlich gelten und dann keine Verhaltensänderung mehr bewirken. Es kann natürlich auch sein, dass die familienpolitischen Instrumente einfach nicht zielgenau oder nicht umfangreich genug gewesen sind.

          Der international enge und über mehr als ein Jahrhundert beobachtete negative Zusammenhang zwischen Wohlstand und Geburtenrate lässt allerdings darauf schließen, dass mehr hinter dem Paradoxon steckt. Hier setzt die ökonomische Theorie an, die Kinder ganz nüchtern als eine Art Investition der Eltern betrachtet.

          Denn Kinder stiften ihren Erzeugern auf der einen Seite Nutzen, auf der anderen Seite kosten sie Zeit und Geld. Es ist plausibel anzunehmen: Umso weniger Kinder werden geboren, je ungünstiger sich das Verhältnis von Nutzen und Kosten entwickelt. Das klingt kühl, und die wenigsten Eltern werden bewusst solche Berechnungen anstellen. Aber intuitiv und im Durchschnitt spielen ökonomische Aspekte eben doch eine zentrale Rolle, wie die empirischen Zusammenhänge zeigen. Und das ist auch leicht erklärbar.

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