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Erklär mir die Welt (102) : Warum gibt es nichts umsonst?

  • -Aktualisiert am

Frei Parken - das ist eher die Ausnahme Bild: Dieter Rüchel - F.A.Z.

Wirtschaften heißt wählen: Es geht darum, aus knappen Ressourcen das Beste zu machen. Und was genau das Beste ist, entscheiden die Verbraucher selbst. Über den Preis.

          Warum gibt es nichts umsonst? Ganz einfach: wegen der Alternativkosten. Und was sind Alternativkosten? Fixe Kosten, variable Kosten, Kosten mit oder ohne Transportaufwand und Verpackung - von allem etwas, aber darauf kommt es dem Ökonomen im Einzelnen nicht an. Die Alternativkosten eines Automobils bestehen darin, dass man mit den verwendeten Materialien wahlweise auch anderes produzieren könnte: zum Beispiel Spielzeug, Schreibmaschinen oder Staubsauger. Nicht alles in unbeschränkter Menge. Aber eben als Alternative zum besagten Auto: Die Materialien und der Arbeitsaufwand, die im fertigen Auto stecken, hätten also für allerlei anderes genutzt werden können.

          Im Begriff der Alternativkosten bündelt sich der tiefe Sinn des Satzes: „Wirtschaften heißt wählen.“ Mit eherner Gewissheit steht das Blech der Kühlerhaube eines straßentüchtigen Autos nicht mehr zur Verfügung, damit andere Hersteller daraus etwa Spielzeugautos bauen könnten. Und weil das so ist, gibt es nichts umsonst. Keine Straßenautos und keine Spielzeugautos. Und auch sonst nichts.

          Die Welt im Lichte der Knappheit

          Für Ökonomen ist das Berechnen von Alternativkosten der Schlüssel, der ihnen den Zugang zur Welt des Habens und Nichthabens, des Bewahrens und Verschwendens, des Genusses und des Verzichts, der Armut und des Wohlstands eröffnet. Wer nicht begriffen und verinnerlicht hat, was Alternativkosten sind und bedeuten, der wird in Forschung, Lehre und wirtschaftspolitischer Beratung kein guter Ökonom werden.

          Wirtschaften heißt also wählen. Wer das nicht weiß, fühlt und respektiert, der führt die Politik in die Irre, wenn er deren Berater ist, und er täuscht die Jugend, wenn er deren Lehrer ist. Die Rentenerhöhung, die angeblich nur die Nachfrage wachsen lässt und die Finanzierungsspielräume des Sozialstaats ausweitet, ist eine Schimäre. Denn in Wirklichkeit engt sie den Staat auch ein. Alle Beredsamkeit der Berater und der Beratenen ändert nichts daran: Die doppelte Buchführung ist unbestechlich, es gibt keine Zahlungen ohne Alternativkosten.

          Dem Ökonomen erscheint die Welt im Lichte der Knappheit. Das Licht weist den Weg zur Effizienz: Es geht darum, aus gegebenen Mitteln - oder auch aus Mitteln, die es noch nicht gibt - das zu machen, was den Menschen als das Wünschenswerteste erscheint. Auch in reichen Gesellschaften ist daher unabänderlich mit Knappheit zu rechnen. Ob arm oder reich: Es gilt, im Gedankenspiel der Wahlmöglichkeiten die Kosten gegen den Nutzen zu setzen und die Kosten- und Nutzenverhältnisse im Raum der Möglichkeiten zu nutzen.

          Wettbewerbsmärkte lassen Monopolrenditen nicht zu

          Ohne Markt geht das nicht. Er macht es möglich, die Bürger darüber entscheiden zu lassen, wie sie die Alternativkosten der verfügbaren oder der zu beschaffenden Ressourcen einschätzen. Im Plebiszit des Marktes zählt nicht die vermeintlich überlegene Erfahrung. In den Wahlakten des Marktes setzt sich etwas anderes durch: die Entscheidungen, für die eine Gesellschaft den Alternativpreis zu zahlen bereit ist, der sich im Wettbewerb mit anderen Vorstellungen von wünschenswerter Mittelverwendung herausgebildet hat. Wenn Ressourcen versteigert werden, setzt sich ein Marktprozess in Gang. Dabei werden versuchsweise Preise aufgerufen. Am Ende aber wird der Preis gezahlt, der sich im Urteil des Meistbietenden durchsetzt. Das ist der jeweilige Alternativpreis. Der Meistbietende ist derjenige, der dafür einsteht, dass die allerhöchsten Alternativkosten für eine Ressourcenverwendung gedeckt sind. Eine Gesellschaft, die sich für die Bedarfsdeckung über den Markt entscheidet, hat daher kein Recht, ihm den Zugriff auf eine entsprechende Ressource zu verweigern.

          Die Ökonomie ist die Lehre vom intelligenten Umgang mit der Knappheit. Der technische Fortschritt und das erfolgreiche Bemühen, durch richtiges Rechnen nichts zu verschwenden, leisten ihren Beitrag, um aus den verfügbaren Ressourcen das Beste zu machen. Dabei wird an den Märkten von Verbrauchern bestimmt, was das situationsbedingt Beste ist. Wettbewerbsmärkte lassen Monopolrenditen nicht zu.

          Ort des Tausches

          Umsonst aber gibt es auch auf wohlfunktionierenden Wettbewerbsmärkten nichts. Das wäre ein Widerspruch in sich. Der Markt ist der Ort des Tausches von Gütern und Rechten, denen die Menschen einen Nutzen beimessen. Für Dinge, die nicht knapp sind, bilden sich keine Märkte. Dort aber, wo die Knappheit durch die Alternativkosten einer anderen - und sei es auch nur gedachten - Mittelverwendung bestimmt wird und wo diese Alternativkosten ihren Ausdruck im Wettbewerb um die Ressourcen finden, sind Preise zu zahlen, die dem Marktwert der gedachten Alternative entsprechen. Hinter jedem Preisschild im Schaufenster stehen die Wahlmöglichkeiten, auf die eine Gesellschaft verzichtet hat, um ebendieses Produkt zu erzeugen.

          Eine Welt ohne Alternativkosten, eine Welt also, in der es etwas umsonst zu geben scheint, gibt es nur in der Politik und im Märchen. Der verlockende Schein hält aber auch dort nicht lange. Aus Köln wird uns berichtet: „Wie war zu Köln es doch vordem mit Heinzelmännchen so bequem! Denn war man faul - man legte sich hin auf die Bank und pflegte sich.“ Wir kennen aber auch das Ende der Geschichte von der kostenlosen Arbeit. Sie ging so lange gut, wie alle an das übernatürliche Phänomen einfach glaubten. Als „des Schneiders Weib“ die Heinzelmännchen sehen will, vergeht der Segen wie ein Spuk. Seitdem gilt auch in der rheinischen Domstadt wieder die Erkenntnis der von angelsächsischen Liberalen formulierten Einsicht: „You get nothing for nothing.“ In der kölschen Version: „Für nix jivvet nix.“

          Das gilt auch für Regierungsprogramme, mit denen aus Vorfinanzierungen reale Wohlfahrtszuwächse gleichen Werts erzeugt werden sollen. Rechnen tut sich das nur, wenn man dabei die Alternativkosten entschlossen beiseitelässt. Doch spätestens sobald die Rechnungen zu zahlen sind, melden sie sich zurück. Es gibt wirklich nichts umsonst.

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