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Entwicklungsökonomie : Warum die Armen arm bleiben

In der Falle der natürlichen Ressourcen?
          4 Min.

          Die sogenannte Dritte Welt habe es nie gegeben. Sie sei eine Erfindung linker Intellektueller und Entwicklungsökonomen. Das meinte zumindest P. T. Bauer, Professor an der London School of Economics. Er lehnte den Begriff „Dritte Welt“ ab, da er die Vielfalt der postkolonialen afrikanischen und asiatischen Länder überdecke und diese in einen fiktiven Block zwänge und mit guten Ratschlägen und Entwicklungshilfe beglücke.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Westliche Entwicklungshilfe, so Bauers Überzeugung schon in den fünfziger Jahren, habe unendlich mehr Schaden als Nutzen gebracht. Sie habe unzählige Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas zur Staats- und Planwirtschaft verleitet, statt den Markt und das private Unternehmertum zu entwickeln. Experten der Vereinten Nationen wie Raúl Prebish und Gunnar Myrdal hätten den Weg gewiesen, der da lautete: gelenkte Industrialisierung durch Abschottung, Preiskontrollen und staatliche Großprojekte - zu finanzieren über westliche Hilfsgelder oder eigene Geldschöpfung.

          Ärmer als vor fünfzig Jahren - trotz Entwicklungshilfe

          Die unvermeidliche Folge dieser Entwicklungsstrategie waren Fehlplanungen, Ressourcenverschwendung, Inflation und eine Zunahme der Bürokratie und Korruption. Zu diesem Elend kamen noch die periodischen Bürgerkriege in fast allen afrikanischen Staaten. Viele von ihnen sind daher heute ärmer als vor fünfzig Jahren - trotz Entwicklungshilfe. Die Länder südlich der Sahara, wo Entwicklungshilfe mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, haben besonders wenig erreicht und verharren auf elendem wirtschaftlichem Niveau.

          Gibt es einen Teufelskreis der Armut, in dem sich diese Länder befinden? Bauer hat diese Vorstellung stets abgelehnt, da ja auch Europa aus eigener Kraft zu Wohlstand gekommen sei. Für die meisten Menschen, die in diesem Sommer am Zaun von Heiligendamm demonstriert haben, klingt das wohl wie reinster Zynismus. Sie sind überzeugt, dass der Reichtum der westlichen Länder auf der Armut und Ausplünderung anderer Länder beruht. Die Globalisierung sehen sie als Prozess der Ausbeutung der Schwächeren durch die Starken. Vehikel dieses Prozesses seien Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF), die seit den achtziger Jahren - teilweise Bauers Ansatz folgend - die Entwicklungsländer zum Aufbau marktwirtschaftlicher Institutionen zu verpflichten versuchen.

          Die Marktwirtschaft hat in vielen Ländern gefruchtet

          Dem kann man entgegensetzen, dass die Marktwirtschaft in vielen Ländern gefruchtet hat. Indien und China erleben heute einen spektakulären Aufschwung, nachdem sie in den internationalen Wettbewerb eingetreten sind und privates Unternehmertum fördern. Sie profitieren von der Globalisierung. Der Anteil der ärmsten Menschen auf der Welt, die von weniger als einem Dollar je Tag leben müssen, hat sich daher in den vergangenen drei Jahrzehnten von 39 auf 19 Prozent halbiert. Afrika dagegen stagniert nicht nur, sondern fällt weiter zurück. Der Anteil der Menschen mit nur einem Dollar je Tag stieg dort auf mehr als 30 Prozent.

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